368 Wicdergeb. d. Dicht, mit. d. Einflüssen d. Moral, u. d. Kritik.
Genies, dag damals gerade (1766) Gerstenberg in einem Aufsatze überShakespeare, der auch in seine Werke ausgenommen ist, indem er gegendie Einheiten schrieb, die ganze Poetik des Aristoteles schnell fertig einobenhingedachtes Werk nannte, und daß man in den burschikosen Briefenüber die Merkwürdigkeiten der Literatur anfing, nach Genie zu schreien,und alle Regel und Kritik zu verachten, nur weil man an den englischenStücken die französischen Regeln vermißt, und deshalb unverständigerWeise überhaupt gar keine darin vermuthet hatte. Was Lessing über dieregellosen Stücke dachte, die nun alsbald in Deutschland folgen sollten,deutete er trefflich bei Gelegenheit des spanischen Esser an, und er nimmtdort die Stellung ein, die für die Gestaltung unseres Dramas durchausbedeutungsvoll ist. Ec hebt die Lope und Calderon hervor, freut sich,auf ihre Regellosigkeit zu weisen, und führt Lope's Lehrgedicht von derKunst neue Komödien zu machen an, in dem bekanntlich alle Regelngrundsätzlich verachtet werden. Er scheint mit Lope's eigenen Sätzenund mit einer entsprechenden Stelle in Wieland's Agathon der Ver-schmelzung des Pathetischen und Komischen in diesen spanischen Stückendas Wort zu reden, als welche die Manuichfaltigkeit der Natur Nach-nahme. Er wirft aber sogleich einige einschränkende Gedanken über diesegothischen Dichtungen andeutend hin. ES ist wahr und nicht wahr,sagt er, daß die komische Tragödie die Natur getreu nachahmt; sie thutes in den Erscheinungen, aber ohne auf die Natur unserer Empfindungenund Seelenkräfte zu achten. In der Natur durchkreuzt sich Alles, aber indieser unendlichen Mannichfaltigkeit ist sie nur ein Schauspiel für denunendlichen Geist. Um an dem Genüsse daranTheil zu nehmen, mußtenwir endlichen Geister das Vermögen erhalten, ihr Schranken zu geben,die sie nicht hat, das Vermögen abzusondern, das wir jeden Augenblicküben, ohne das wir ein steter Raub des gegenwärtigen Eindrucks seinwürden. Die Kunst soll uns im Reiche des Schönen dieser Absonderungüberheben; Alles was wir in der Natur von einem Gegenstände odereiner Verbindung mehrerer Gegenstände abznsondern wünschen, sondertsie wirklich ab, und weicht nichtigen Zerstreuungen aus. Nur wenn eineBegebenheit in ihrem Fortgange alle Schattirungen des Interesses an-nimmt, und ein? nothwendig aus der audereu entspringt, wenn derErnst das Lachen, die Traurigkeit die Freude, oder umgekehrt, so un-mittelbar erzeugt, daß uns die Abstraktion des Einen und des Andernunmöglich fällt, nur alsdann verlangen wir diese auch in der Kunstnicht. Er bricht ab, und hofft, man sehe, wohin er wolle. Er will da-hin, daß er diese Mischspiele gern neckend den Franzosen entgegenhalten,