Schauspiel. (Lessing.)
367
Dieser Art sind die Negationen in der Dramaturgie; vortrefflichaber sind auch dir einzelnen positiven Andeutungen, die darin zerstreutliegen. Am Soliman II., der nach einer Erzählung Marmvntel'ö vonFavart bearbeitet ist, entwickelter, vielleicht mit absichtlicher Unpartei-lichkeit, wie darin die dramatische Behandlung eines epischen Stoffsdurchaus unterrichtend und trefflich sei, und dringt auf jene Regeln vor,die, weit entfernt von der Willkür positiver Vorschriften, aus der Naturder Dinge, aus dem Quell des Lebens, aus dem Wesen der dramatischenForm entspringen. Er stellt neben die ungereimten Regeln von der phy-sischen Einheit der Zeit und des Ortes mit ihren lächerlichen Folgerun-gen die Regel der moralischen Einheit der Handlung, die das aristote-lische Grundgesetz jedes Dichtungswecks ist, und ans der die äußerlichenEinheiten allenfalls folgen können. Die Griechen ließen sich diesemoralische Einheit einen Anlaß sein, die Handlung selbst so zu verein-fachen, daß sie, auf ihre wesentlichsten Bestandtheile gebracht, nichts alsein Ideal von dieser Handlung ward, welches sich gerade inderjenigen Form am glücklichsten ausbilvete, die den wenigsten Zusatzvon Umständen der Zeit und des Ortes verlangte. Die Franzosen hin-gegen, die an der wahren Einheit der Handlung keinen Geschmack fan-den, die durch die wilden Jntriguen der spanischen Stücke schon ver-wöhnt waren, betrachteten die Einheiten der Zeit und des OrtS nicht alsFolgen jener Einheit, sondern als für sich zur Vorstellung einer Hand-lung unumgängliche Ecforvernisse, welche sic auch ihren verwickelterenHandlungen ebenso anpassen müßten, als es nur immer der Gebrauchdes Chors erfordern konnte, dem sie doch gänzlich entsagt hatten. Lessingwidmet den Hauptsätzen der aristotelischen Poetik über das Drama weit-läufige Erörterungen, vie ich hier nicht auSziehen will, da ich keine Ge-schichte der Aesthetik schreibe, und da Lessing selbst ihr Ergebnis! so planangegeben hat: Er hätte mit der Autorität des Aristoteles bald fertigwerden wollen, wenn er es nur eben so bald mit seinen Gründen gekonnthätte; ec fand aber nach seinem eifrigsten Studium der dramatische»Dichtkunst, daß dessen Poetik ein so unfehlbares Werk sei, wie die Ele-mente des Euklid, besonders in Bezug auf das, was sie über das Trauer-spiel lehrt. Er verstand aber den Aristoteles so, daß er weit entferntwar, die Oekonomie der griechischen Stücke oder gar der französischenals die einzige Folge der angewandten Regel desselben zu betrachten.Und da er nicht allein die Alten, sondern auch, wie Schiller, sogar sei-nen Shakespeare dabei bestehen sah, so mißfiel ihm bei seinem tiefgrün-denden Verständniß und bei seiner eifrigen Verehrung dieses kritischen