Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
366
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366 Wicvergcb. d. Dicht, unt. d. Einflüssen d. Moral, u. d. Kritik.

Griechen; er beurtheilt ihn nicht allein als Dichter, auch als Kritiker,als Historiker, als Charakter. Mit dem feinsten Spotte, der den Fran-zosen in dem plumpen Deutschen nicht wenig überraschen mochte, zog erbei Gelegenheit des Esser von Thomas Corneille Voltaire's Schwach-heit durch, denprofunden Historiker zu spielen." Bei Erörterung derMcrope gießt er über die eitle Selbstgefälligkeit, über die dreisten Dieb-stähle ans Maffei'S Stück dieses Namens, über die kleinlichen Hülfs-mittelchen, mit denen Voltaire seinem Stücke den Weg bahnte, über diehämischen Höflichkeiten, die maskirten Grobheiten, die Lügen und Ver-fälschungen, mit denen er sich gegen den Italiener, und den französischenGeschmack gegen italienischen stellte, über die Armseligkeit der Kritik undDichtung, die den Mafsei ü la Ballhorn behandelte und mit EuripidcSwetteifern wollte, den allerbeißendsten und bittersten Hohn ans. Erstellt dabei alle Ungereimtheiten, die aus der französischen Einheitsregelfließen, in ein schlagendes Licht, nnd hebt mit einigen Zügen die Größedes EuripidcS hervor, um den eitlen Stolz der Franzosen zu demüthi-gen, die die griechische Bühne gern im Stande der Kindheit sahen, wiedie britische in dem der Rohheit. Dabei ist eS so schön, das feine Ge-fühl und Gemüth deö Deutschen überall auftauchen zu sehen, das denKannibalismus der französischen Theaterhcroen verabscheut mit Allen,die daran Gefallen finden können. Dies tritt besonders auch bei dermeisterhaften Beurtheilung der Rhodogune von Corneille heraus, einesStückes, das der Dichter selbst und gelegentlich ganz Europa für seingrößtes Meisterstück erklärt hatte. Er entblößt hier jene abenteuerlichenCharaktere, jene hirnlosen Verwickelungen, die Mißkennung aller mensch-lichen Natur im thörichten Streben nach Außerordentlichem und Unge-wöhnlichem, er folgt mit ätzendem Witze der Schlingung jener unsinni-gen Jntrigucn, hält daneben den einfachen Weg, den ein gesundes Herzund ein einfältiges Gemüth dem wahren Genius gezeigt hätte, zertrüm-mert so diese Stücke von hundertjährigem Ansehn, reißt diese Dichterdes ersten Ranges in Frankreich von ihrer augemaßten Höhe herab, undwagt, dicht hinter dem Bekenntnis), daß Er kein Dichter sei, den großenTrumpf auszuspielcn und zu sagen:Ich wage es, eine Aenßcrung zuthun, mag man sie doch nehmen, wofür man will! Man nenne mir dasStück des großen Corneille, das ich nicht besser machen wollte. Wasgilt die Wette?" Ueber Corneille war Lessing nächst Voltaire am mei-sten ergrimmt, weil er nicht allein wie Raeine mit Mustern, sondernauch mit Lehren, und mit der falschen Auslegung des Aristoteles, die erihm umständlich nachweist, schädlich gewirkt hat.