356 Wicdergcb. d. Dicht, unt. d. Einflüssen d. Moral, u. d. Kritik.
aber ganz überboten von der ihr gegenüber gelagerten populären. DieHerren Klemm und Heufeld gaben sich alle Mühe, die alten Lokalposseu,die Schilderung wiener Sitten, in der geordneteren Gestalt des Lust-spiels fcstzuhalten und die Hanswurstiadeu verfeinert zu bewahren. Dieswäre an sich nicht übel gewesen, wenn nur die guten Komöden erst anihre eigene Verfeinerung gedacht hätten. Ehe man sich umsah, fielender Sekretär Pelzel, die Schauspieler Müller und Stephanie (der Jün-gere) wieder ganz inö Possenhafte zurück, und gaben dem durstendenPöbel Maschinenkomödien und Harlekinaden wieder; und wo sic öffent-liche Sitten auffaßten, waren eS immer nur die niedrigsten in der ge-meinsten Behandlung. Und diesen nämlichen Schreibern blieb cs über-lassen, die Stücke von Shakespeare für die Bühne zuzurichten! Immerin der guten Meinung, daS Volk mit dem Besseren auszusöhncn, söhntensie sich selbst mit dem Elenden aus; immer unter der Maske, die Reformzu unterstützen, griffen sie die ersten und ernstesten Reformatoren, Son-nensels u. A., an, die ohnehin unter sich selbst zerfielen. Diese Klasseplebejischer Schreiber überwand in Wien, bis später wieder die Romantikein Gegengewicht bildete. Als Joseph um 1781 die Presse befreite,deckte sich der Zustand der wiener Literatur Jedem auf, der sich bishernoch getäuscht haben könnte. Innerhalb zweier Jahre sollen sich in Wienallein 1100 Autoren aufgethan haben, und in 18 Monaten zählte Blu-mauer 1172 erschienene Schriften. Aber diese ungeheuere Schreib-wuth erschuf nichts als örtliche Verhandlungen; man las und schriebnichts, als was die Klatschsucht der größesten Kleinstadt befriedigte; undbraucht es zur Charakterisirnng der damaligen wiener Literatur nocheiner anderen Andeutung, als daß Blumauer der Vertreter derselben inDeutschland geworden ist, und daß Blumauer in den 80er Jahren sagendurfte, wenn die deutsche Literatur noch vorschreiten wolle, so müsse esvon Wien aus geschehen? Diese Aeußernng aber ist nicht die zufälligeStimme eines Einzelnen, sondern die komische Wirkung, die sic, ver-glichen mit den Leistungen der Wiener, macht, ist im Ungeheuern bestä-tigt, wenn man in den Dramaturgien damals die großen Erwartungenund Versprechungen, die vertrauensvolle Sicherheit in schwärmerischenTräumen liest und vergleicht mit den dramatischen Erzeugnissen, die inden Sammlungen der wiener Schaubühne als ein ewiges Denkmalliterarischer Schmach aufgestapelt sind^). Daher kam es denn, daß in
172) lieber OestreichS Aufklärung und Literatur. 1783.
173) Wer nicht Einmal in diese Sammlungen hineingeseheu hat, dem mögen un-sere Aeußerungen vielleicht stark, und nnser stummes Vorbeigehen an der dramatischen