354 Wicdergeb. d. Dicht, unt. d. Einstnsscn d. Moral, u. d. Kritik.
lieber die Frage der Akademie, die Lösung des Censurzwangs, die Auf-nahme der Bühne, und was alles dergleichen strahlende Entwürfe mehrwaren. Wie man die erste Hand anlegte, die deutsche Bildung nachWien zu verpflanzen, machte man den wunderbaren Mißgriff, Riedelaus Erfurt zu berufen, wodurch gleich alle Vernünftigen in ihren feuri-gen Hoffnungen abgekühlt wurden; und selbst Riedel war dem Neideund den Verleumdungen der Wiener nicht zu unbedeutend. Was einzigvolkSthümlich war, was wirklich Bedeutung für daS deutsche Leben er-hielt, war die Musik. Haydn bildete den Geschmack der Wiener zuerstum, Vanhall und Leopold Hosmann folgten ihm, dann trat Gluck ans,dessen Aleefte schon 1768 in Wien aufgcführt ward. Eben in diese Zeitfallen dann auch die Reformen der wiener Bühne, die so viel versprachen.Schon 1766 unter Hilverding'ö Leitung hatte Sonnenfels Einflüsse er-halten; 1769 starb Prehauser, und nun sollten lauter regelmäßige Stückegegeben werden. Es begannen nun Ränke; Bernardon kam nach langerAbwesenheit zurück, man wollte die ertemporirten Stücke von neuem inSchwung bringen, allein ans Sonncnfels'Vorstellung ward das Er-temporiren förmlich verboten, der Staatsrath von Geblcr, ein großerGönner der Bühne, bewirkte, daß Sonnenfels Theaterrensor ward, dieSchauspieler machten ihn zu ihrem Direetor, und nahmen statt Klemmden Herrn von Brahm zum Theatersekretair. Der Geschmack der Wieneränderte sich jetzt auf diesen allerhöchsten Befehl dergestalt, daß uns ver-sichert wird, schon 1771 hätte der Hanswurst selbst dem Pöbel nichtmehr gefallen! Allein wie schön sich dies Alles ansnimmt, und so schö-ner eö sich in den wiener Dramaturgien ausnahm, die voll der pomp-haftesten Ankündigungen und Aussichten waren, so war doch Alles hohl,und um so hohler, da eS .ans keinen Grund im Volke gebaut war, dakein Mittelstand eristirte, der einem gediegenen Geschmacke hätte Ver-breitung und Bestand geben können. Alles thcilt sich daher jetzt wieder,wie schon in der früheren Literatur Oestreichs überall der Fall war, indie zwei Ertreme des adeligen und plebejischen Geschmacks; man siehtimmer den Herren die Knechte gegenüber, und nur Angehörige dieserbeiden Stände oder doch Bildungsstufen machten sich in der LiteraturOestreichs laut. Während die adeligen Theaterdirektoren Freiherr vonBenda und Sonnenfels ihre puristischen und moralischen Absichten ver-folgten, mußten sie doch mit Noverre'schen Balletten die Gebildetenködern, und das Volk, das den Bernardon nicht mehr sehen wollte,weil eS der Hof nicht gerne sah, freute sich noch an scheuslichen Ahier-hetzen und Feuerwerken. Man zog die besten Schauspieler an; die