Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
330
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330 Wicdergeb. d. Dicht, mit. d. Einflüssen d. Moral, u. d. Kritik.

ein höheres Ziel ins Auge faßte. Als sie 1728 nach Leipzig kam, drängtesich Gottsched zu ihr und bestimmte sie, den Staatsaktionen und Hans-wurstiaden allmählig z» entsagen, und Uebersetzungen aufzuführen, wiesie schon mit vier französischen Stücken in Weißenfels gcthan hatte. Sieversuchte eS mit dem Regulus von Pradon. Man wandte alle Kunst-griffe an; man zog König in Dresden hinein, indem man ihn die alteUebersetzung von Bressand verbessern ließ; er schaffte dafür eine kostbareGarderobe auö Dresden; und dies wieder stellte man so dar, als ob derWunsch des Hofs diese neuen Stücke begleite. Der entschiedenste Beifallbelohnte. Nun galt cs vor Allem ein Repertoir. Gottsched bot seineganze Mannschaft aus, französische Stücke um die Wette zu übersetzen.Schwabe, Ludwig, Pitschel, Gottsched's Frau, Müller, Behrmann,Qnistorp, Straube, und wie viele Andere zeigten sich als die gelehrig-sten und bereitwilligsten Schüler, und die Aussicht war bald da, daß cshier nicht fehlen würde. Aber nun sollten auch Originale entstehen.Gottsched nahm also Addison's Cato vor, zerlegte ihn, mischte Einigesvon DeschampS und einiges Eigene hinzu, und so entstand 1731, wiedie Schweizer sagten mit Kleister und Schere, sein sterbender Cato, derals das erste deutsche Original Epoche machen sollte, und wirklich in25 Jahren zehn Auslagen erlebte, übersetzt und überall aufgeführt ward.Nun mußten sich die Jünger auch zu Originalen entschließen! Die Hen-riei und Pitschel, die Derschau und Schönaich wurden aufgcboten, dieUnterstützung des Adels und der Schule. Aber dennoch ging es mit denOriginalen nicht so flink, wie mit den Nebersetznngen; und wenn Gott-sched von Zeit zu Zeit das Repertoir der deutschen Originale in seinenZeitschriften zusammenstellte, wenn er hernach 1740 u. f. die Schau-bühne seiner Schule, und zuletzt seinen nöthigen Vorrath, das Verzeich-niß aller deutschen Schauspiele vom Uranfang an, herausgab, so deckteer jedesmal in anderer Weise die Schmach der deutschen Literatur indiesem Gebiete auf. Und dabei nahm er den ruhmredigsten Ton an.Seitdem die verkehrte Welt, eine Posse von König, die er als Vertreterder Burlesken nannte, in Leipzig nicht mehr gegeben ward, seitdem 1737der Harlekin feierlich verbannt, seitdem endlich gar die Oper entwichenwar, sah er sich als Monarchen über die deutsche Bühne und seine Stückeals Muster und seine Regeln als Gesetz an. Und wer jetzt einen Vol-taire etwa als Hauptrichter in diesem Fache noch betrachtete, dem rückteer vor, er müsse weder Aristoteles, noch Hedelin, noch Daeier kennen,ja nicht einmal die kritische Dichtkunst! Und was waren seine Regelnanders, als die abgcschricbenen der Franzosen? und seine Muster, als