322 Wicdergeb. d. Dicht, unt. d. Einflüssen d. Moral, u. d. Kritik.
mit seinem Glauben an eine heroische Menschheit trotz seiner Kenntuißder Alten noch Vieser Auslegung widersprach, namentlich in so weit sieden Philoktet zum Beweise sür sich anführt. Wie fruchtbar dagegendiese Sätze bei Andern für die Theorie der Tragödie wurden, könnenwir später bei Schiller erfahren. Lessing setzt also den von Winckelmannnachher selbst bestätigten Satz entgegen: daß das höchste Gesetz der altenKunst Schönheit gewesen, daß sie daher alle Karrikatur und allesUebertriebene der Leidenschaften gemieden hätte, das an Häßlichkeitgrenze. In den Fragmenten zum zweiten Theile des Lavkoou bestimmtsich dieses Princip aller Kunst noch etwas näher. Die eigentliche Be-stimmung einer Kunst kann nur das sein, was sie ohne Beihülfe eineranderen hervorzubringen im Stande ist. Dies ist in der plastischen Kunstdie körperliche Schönheit. Die höchste körperliche Schönheit ist nur indem Menschen, und auch in diesem nur vermöge des Idea ls. Idealder körperlichen Schönheit liegt hauptsächlich in der Form, wohl auchin der Karnation und im permanenten Ausdruck; die bloße Kolorirnng(Gebrauch der Lokalfarben) und der transitorische Ausdruck entbehren desIdeals, weil die Natur sich nichts Bestimmtes darin vorgesetzt hat. DasIdeal in der Poesie nun muß Ideal der Handlungen sein, nicht Idealmoralischer Wesen; denn es würde Uebertreibung sein, von dem Dichtervollkommene moralische Wesen zu verlangen. In der gleichzeitigen Dra-maturgie räumt Lessing ausdrücklich und zuerst, diesem entsprechend, diemoralischen Anforderungen an den Dichter weg. Er will nicht sagen,daß es ein Fehler ist, wenn eine Dichtung zur Erläuterung oder Bestä-tigung einer moralischen Wahrheit dienen kann; aber er darf sagen, daßeine solche Einrichtung nichts weniger als nothwendig in einem Kunst-werke ist. Wir sehen hier den Grund, auf dem Göthe, Schiller undHumboldt nachher ihre ästhetischen Theorien ausbilden; zugleich sehenwir den ästhetischen Gegensatz Lessing's gegen Klopstock und Wielandaufs schärfste ausgedrückt. Jener hatte moralische Schönheit zum letztenGrundsatz der Kunst gemacht, Wieland die Natur und Wahrheit; voll-kommen moralische Wesen hatte uns jener geschildert, der Wirklichkeitnahe schilderte Wieland; Lessing's Figuren, denen er zwar nur trockeneForm und keine Karnation geben konnte, erscheinen allerdings mehr alsder wirklichen Natur entnommen, allein der Natur doch, die sich ange-strengt hat, auch Lessing selbst zu schaffen, die also selbst einer idealenBildung nahe gekommen ist. — Indem Lessing weiterhin auf die Ver-gleichung der Malerei und Dichtung kommt und die falschen Aehnlich-keiten beleuchtet, die die Spencer und Caylus aufgesunden hatten, setzt