Lessing.
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Verirrungen und Verknorpelungen der Natur schwer fanden, zusammen,und nun ging Zeugung, Geburt, WachSthum, Jugend unserer Literaturvon selbst vor sich. Er war die Hebamme unserer Poesie, nicht selbstPoet. Der die Schwächen aller anderen Scheindichter so erkannt hatte,hätte nicht die seinigeu erkennen sollen? aus Eitelkeit nicht erkennen sol-len, Er, der so sehr über alle Kleinlichkeiten der menschlichen Natur hin-weg war? In dem Augenblicke, da ihn die Nation am höchsten feierte,da seine theologischen Streitigkeiten ihm noch nicht Feinde gemacht hat-ten, da sein Gleim und Ebert ihm ihr Shakespeare-Lessing zuriefcn undkeinen Widerspruch fanden, in diesem Augenblicke legte er jenes denk-würdige Geständniß abdas ihn vielleicht mehr als seine Leistun-gen ehrt, eben wie er von Lafontaine und Pope bei ähnlichen kleinerenGeständnissen meinte. Denn eigne Schwächen zu kennen und einzugeste-hen, da sie Niemand außer uns kennt, ist wahrscheinlich schwerer, alseigne Kräfte wirken zu lassen, zu deren Besitz wir nichts können.
Lessing brauchte sich nicht über sich zu täuschen. Man kann Gabenan ihm vermissen; aber der Gebrauch, den er von denen machte, die erhatte, ist ein ewiges Muster. So ist's bei Schiller, umgekehrt bei Göthe.Er wußte, daß er ein kalter Denker war, und daß ihm der Enthusias-mus fehle, den er die die Spitze und Blüthc der schönen Kunst
nennt, den einem Dichter zu verdächtigen ihm eine Sünde an dessen Le-bensberufe schien. Indem er dies Geständniß am Schlüsse der Drama-turgie ablegte, beging er wieder einen Akt der Simplifikation und Rei-nigung ; er wies den Verstand auf das Gebiet der Wissenschaft undKritik, von der Dichtung hinweg. Daß doch niemals ein Aesihetikerund Literarhistoriker über Lessings Dichtungen mit einem Weisheits-düukel abspreche! und niemals anders darüber rede als mit Lessing'seignen unsterblichen Worten. „Ich bin" so lautet seine Erklärung „wederSchauspieler noch Dichter. Man erweist mir zwar manchmal die Ehre,mich für das letztere zu erkennen. Aber nur weil man mich verkennt.Aus einigen dramatischen Versuchen, die ich gemacht habe, sollte mannicht so freigebig folgern. Nicht Jeder,'der den Pinsel zur Hand nimmtund Farben verguistet, ist ein Maler. Die ältesten von jenen Versuchen
155) Gr war der wahre große Mann,der Lobeswort nicht hören kann.
Er sucht bescheiden auszuweichen,
und thut, als gab' es seines Gleichen.
Göthe, von Chiron.