318 Wiedergeb. d. Dicht, mit. d. Einflüssen d. Moral, u. d. Kritik.
sind in den Jahren hingeschrieben, in denen man Lust und Leichtigkeitso gern sür Genie hält. Was in den neueren erträglicher ist, davon binich mir sehr bewußt, daß ich eS einzig und allein der Kritik zu verdankenhabe. Ich fühle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigne Kraftsich emporarbeitet, durch eigne Kraft in so reichen, so frischen, so reinenStrahlen aufschießt, ich muß Alles durch Druckwerk und Röhren ausmir Heraufpressen. Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wennich nicht einigermaßen gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zu bor-gen, mich an fremdem Feuer zu wärmen, und durch die Gläser der Kunstmeine Augen zu stärken. Ich bin daher immer beschämt und verdrießlichgeworden, wenn ich zum Nachtheil der Kritik etwas las oder hörte. Siesoll das Genie ersticken, und ich schmeichle mir etwas von ihr zu erhal-ten , was dem Genie sehr nahe kommt. Ich bin ein Lahmer, den eineSchmähschrift auf die Krücken unmöglich erbauen kann. Doch freilich,wie die Krücke dem Lahmen wohl hilft, sich zu bewegen, aber nicht ihnzum Läufer machen kann, so auch die Kritik."
So bescheiden sich Lessing hier über sein Dichtertalent äußert, sovoll Selbstgefühl war er dagegen auf seine Kritik. Vielleicht hat ihn keinSterblicher von dieser Seite übertroffen. Wie wohl er sich in diesem Ge-biete fühlte, sieht man an dem Tone jeder Kritik, die er geschrieben hat,wenn man sie gegen seine vorsichtig zusammengesetzten Schauspiele hält.Die bessere Einsicht, der Wahrheitseifer, der Ehrgeiz, unsere Literaturneben den ausländischen ebenbürtig zu machen, die Ueberzeugung, daßnur durch Reibung unsere Kräfte gereizt werden könnten, und daß nichtsuns so sehr hemmte, als Schullob und Rücksichten, trieb ihn hier grund-sätzlich zu einer Polemik gegen alle Mittelmäßigkeit, die eigentlich alleinden Aufschwung in den 70er Jahren in Deutschland hervorrief. Er gabdie Haltung der Literaturbriese au, die seine Freunde selbst mit dem gu-ten Willen dazu nicht behaupten konnten. Wie wenig man diesen zu-traute, wie ganz man Lesstng überall vermuthete, wo ein zuversichtlicherTon mit einiger Sachkenntuiß gepaart erschien, beweist, daß man ihnsür einen Hauptmitarbeiter au der allgemeinen Bibliothek hielt, in dieec so gut wie nichts schrieb; und daß man viel Lärm von einer berlinerSchule machte, als deren Haupt man ihn verschrie. Nichts war demwahrheitssinnigen Mann so zuwieder, als für den Mittelpunkt einerliterarischen Clique zu gelten, und auch dies mag ihn bewogen haben,bei keiner journalistischen Verbindung auszuhalten. Ihm und seinemMoses war es mit der Erforschung der Wahrheit an und für sich einErnst, dafür liegt das Zeugniß in Lessing's Korrespondenz, die von dieser