Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
315
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Lessing. 313

gewesen von den Mustern des Auslands; Italiens, Spaniens, Eng-lands, Frankreichs Literatur hatten ihre Blüthen entfaltet und das armeDeutschland sah bewundernd zu und stammelte rohe Versuche nach. Diefranzösische Poesie stand im unerschütterten Ansehen, die neueste englischestritt mit ihr, Alles schwur nicht höher als bei Pope und Thomson. UnsSpätem ist es nicht schwer, das Mißliche dieser Lage zu übersehen. Wirhatten nichts als Nachahmungen, und darum schrieen Lessing und dieLiteratnrbriefe zuerst so uach Originalen, und wandten ihren schärfstenSpott gegen die Nachahmer deutscher Nachahmungen. Das Schlimmereaber war, wir ahmten falscheMuster nach und hielten sie für das Höchste.Auch dies durchschaute Lessing schon damals mit dem schärfsten histori-schen Blicke. Andere Nationen, sagt er in den Literaturbriefen (175965), die eigentlich das Hanptwerkzeug seiner revolutionären Umtriebewerden sollten, sind vor uns an ihrem Ziele in der Literatur angelangt;spätere ihrer Genien wollten sich noch unter die Sieger eindrängen, undsind auf Nebenwege geratheu. (Hier hat er die uachzügelnde Periodeder englischen Literatur besonders im Auge.) Zum Unglück sind dieDeutschen Zeitgenossen dieser letzten; der zweideutige Geist der Nachah-mung prieß sie als Muster an, und da unsere Periode erst ans der Hälfteist, und mit der anderen schon vollendeten zusammenstößt, so lief manGefahr, den guten Geschmack zu verlieren, noch ehe er stark geworden.Unter diesen Umständen, sagt er selbst, fehlt uns die Hand, die unsführte. Er selber lieh sie seinem Volke. Er warf sich gegen diese falschenMuster auf, er behandelte mit kühnem Uebermuth die Götzen des Tages,und ganz Deutschland sah zuerst unwillig, dann achtsam, bald willigfolgend aus, als er in der Dramaturgie den stolzen Bau der französischenKritik und Bühne zusammcnwarf. Er setzte die einfachsten und reinstenGattungen als Zielpunkte auf, und die einfachsten und reinsten Dichteranderer Nationen als Muster. Simplifieation und Errettung von ver-wickelten Verhältnissen, Durchhauen unlösbarer Knoten, war der Weg,den er nahm, der Weg, den jede Revolution und Reformation nehmenmuß. Er fühlte, wie schon die Sprache fehlte. Man hatte jetzt die Ah-nung von einer Wahrheit, der Jacob Grimm vortreffliche Worte geliehenhat, daß nämlich keine Literatur eines kräftigen Wachsthums sich erfreuenkann, in der sich nicht Prosa und Poesie gegenseitig ausbildet und stützt.So fehlte unserer Dichtung im 13. Jahrhundert die Prosa, unsrer Prosaim 16. die Poesie; im 17. wiederholte sich dürftiger das Verhältnißdes 13., erst im vorigen Jahrhundert reichten sich Beide die Hand. Wirhaben bemerkt, wie noch die Gegensätze in Klopstock und Wieland so