Lessing.
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auch seine fragmentarischen Merkchen im theologischen Gebiete jedesmalHauptwerke, so wie seine theatralischen Leistungen je später immer destobedeutender werden. Diese Beschäftigungen sämmtlich ans ein einzigesZiel zu beziehen, scheint allerdings schwer. Aber gibt man nur zu, daßes dem nahrungslosen und strebsüchtigcn Manne erlaubt sein mußte, hieund da ein Buch aus Brodsorge zu übersetzen, das Andere läßt sich gutgenug erklären. Wer den menschlichen Kräften so viel zumnthet wieLessing, der bedarf der Erholung desto mehr und bei ihm war Erholungoft, was Anderen wieder Arbeit gewesen wäre. Wer es nicht begreift,warum Hutten unter den großartigsten Entwürfen mit den kleinlichstenDingen sich zugleich beschäftige» konnte, dem wird man allerdings auchschwer begreiflich machen, warum Lessing, während er für das Werk derBühne arbeitete, zugleich den Jöcher verbessern wollte. EigentlicheKollektaneen nach dem Sinne unserer Gelehrten hat Lessing seiner eige-nen Aussage zufolge nie gehabt: er schrieb seine Fragmentchen nieder,um schreibend zu denken, ans bloßein Trieb sich aufzuklären. Man findetunter seinen theologischen Bruchstücken eines, das mit dem Vorsatz be-ginnt, es zu zerreißen, wenn es ihn zufrieden stelle, wenn nicht, csdrucken zu lassen, damit Andere die Sache weiter führten. Lessing'spolyhistorische Vielseitigkeit und Belesenheit war allerdings ungeheuer;allein er besann sich zu rechter Zeit, daß er „für seinen Verstand schonzu viel gelesen hatte, und daß cs Zeit sei zu ordnen, aufzuhellen undwegzuwerfen, statt zu sammeln." So kam er auf dem Wege des Lernensund Sammelns zur Verarbeitung, er kam durch Kenntnisse zur Einsicht,durch weite Gelehrsamkeit zu einfacher Weisheit. Wir können von demparadoxen Manne dies größte Paradoxon sagen, daß er ein anscheinen-der Kleinigkeitskrämer und Stubengelehrter, der größte Menschenkenner,daß er als der ärgste aller Büchernarren zugleich der größte Bücherver-ächter war, was ihn uns als den wahren Weisen empfiehlt, der ausBücherwelt und Lektüre einen ewigen Besitz für seine Seele davon trug,dem das Buch nicht den Kopf und der Kopf nicht das Herz verderbenkonnte. Wer ihn so in den tiefsten Niederungen der Auszüge sieht, solltenicht ahnen, daß dieser seltne Mann zugleich auf den höchsten Spitzender Endergebnisse weile; der die Kirchenväter und Scholastiker so imEinzelnen zu handhaben wußte und mit seiner theologischen Laienschaftdie Eingeweihten schreckte, schrieb zugleich den Nathan und die Erziehungdes Menschengeschlechts. Der über die Zeichen der Künste grübelte undden Srultetus und Logau aus der Vergessenheit rettete, stellte zugleichdas höchste Prinrip der Kunst auf und wies unserer Dichtung ein neues
Gcrv. i>. DichÜ IV. Bd. 20