Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
302
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302 Wiedergcb. d. Dicht, nnt. d. Einflüssen d. Moral, u. d. Kritik.

rnngen an die Willenskräfte der Menschen, als unter uns üblich sind. Undmit eben dieser Männlichkeit suchte er nach einer Dichtung, die nicht vonjungen Menschen anSgche und für Jünglinge bestimmt sei, sondern diedem gereiften Alter zusage. Wenn er in irgend einem Punkt mit Rechtneben Shakespeare gestellt wurde, so war es hier; denn auch dessen Sinnwar ganz dorthin gestellt, nicht das Reich der Jngendempfindungen so-wohl als das der männlichen Handlungen und Leidenschaften zu beherr-schen, und seine Werke können nur von dem reifen Manne ganz genossenwerden. Wie für Shakespeare die Worte, die er seinem Brutus nach-rief, zur Grabschrift passend gefunden wurden, so wollte sie Herder Les-singen gesetzt wissen: Er war ein Mann! So männlich und antik warjenes ganze Streben Lessing'ö, reine Menschlichkeit und Humanität hcr-zustellen, wie ein Gründer christlicher Mysterien, der darin so sehr mitLeibnitz stimmte, daß er das Bestehende der Religion schonte, ohne diewüsten Begriffe der Theologen damit zu verbinden, und eine esoterischeund croterische Glaubenslehre unterschied. Antik ferner ist in Lesstngjene Genügsamkeit an Allem, was die Gottheit dem Menschen hiersicheres gegeben hat, denn Lessing gestattete kein anderes Gesetz der mo-ralischen Wesen, als das ans ihrer eigenen Natur genommen ist undihnen nach ihren individuellen Vollkommenheiten zu handeln vorschreibt.Wie der lebensthätige Grieche so grübelt er über das ewige Dunkel verUnsterblichkeit wenig. So viel haben wir erkannt, sagt er irgendwo,daß dem Menschen mit dem Wissen der Zukunft hier ans Erden weniggedient ist, wann wird eS der Vernunft gelingen, die Begierde, dasNähere von dem künftigen Leben zu wissen, eben so verdächtig zu machen?Jene erste Begierde hat große Verirrungen angestistet, denen die Altendurch schickliche Erdichtungen vorbeugten, größer aber sind die, die ausder letzteren entstehen. Ucber die Bekümmernngen um ein künftigesLeben verlieren die Thoren das Gegenwärtige. Kann man ein künftigesLeben nicht eben so abwarten wie einen künftigen Tag? Dieser Grundgegen die Astrologie ist auch einer gegen alle geoffenbarte Religion.Wenn es eine Kunst gäbe, das Zukünftige zu wissen, so sollte man sielieber nicht lernen. Und wenn es eine Religion gäbe, die uns von jenemLeben nnbezweifelt unterrichtete, so sollten wir sie lieber nicht hören.Mit dieser Resignation war er aber so wenig stumpf gegen diesen trösten-den Glauben, daß er, um ihn der Ueberzcngnng näher zu bringen, sogarmit der Idee von der Seelenwandernng sich befreundete. Gerade sorestgnirt sagte er zu Jacobi, er begehre keinen freien Willen, und Nie-mand hat in seiner ganzen Wirksamkeit des Menschen Freiheit schöner