Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
300
Einzelbild herunterladen
 

300 Wiedergeb. d. Dicht, mit. d. Einflüssen d. Moral, u. d. Kritik.

logischen Anfeindungen Lessingen seine letzten Jahre verbittert hätten.Die Vorboten des eigenen Todes machten ihm das Leben zuletzt zuwider,aber in den theologischen Zerstreuungen fand er gerade seinen Trost undentfaltete hier die höchste Blüte seines großen Geistes und die stärkstenKräfte seines Willens. Als ec die Fragmente und die Streitschriftengegen Goeze drucken ließ, entzog man ihm in Wolfenbüttel die Druck-freiheit, und der Hauptpastor drohte ihm mit dem Reichsfiskale, aber ersetzte gegen die herzoglichen und ministeriellen Verbote seinen Trotz, ent-schlossen es aufs Aeußerste kommen zu lassen.

Die Ueberfrommen auf Klopstock's Seite mochten sich vor solcheinem Leben und Charakter kreuzigen, die Schwächlinge auf Wieland'sSeite mochten cs unbegreiflich finden, und die fromm und schwach zu-gleich waren wie Hamann mochten Gift und Galle dagegen werden.Wer aber Männlichkeit für eine Tugend schätzt, muß dem kräftigen Manneganz beifallen. Wer Lessing's Leben mit befangenen Augen liest, kannes als einen Schauplatz des Elends und als eine Frucht des Leichtsinnsdarstellen, wer aber seine Werke und seine Briefe kennt, den wird der-selbe Hauch einer kräftigenden Lebensfrische und geistigen Gesundheitaus Schrift und Leben anwehen, den wir kaum in einem Schriftstellerder neuern Zeit in Deutschland wieder finden. Wir treten bei ihm ausder dicken Luft der richardson'schen Romane und dem Qualm der young'-schen Nächte heraus, wir fühlen uns bei ihm gestählt gegen den sinn-lichen Kitzel der wielandischen französischen Erzählungen. Friedrich Ja-eobi gibt daß Zengniß, daß Lesstug nicht sinnlich und wollüstig war; erhabe deshalb Vielen kalt geschienen, wie gefühlvoll er gewesen sei.Wirklich war Lessing von aller jener falschen Empfindsamkeit abgewandt,die ihn in seinen Halberstädter Freunden so nahe berührte, und wiefleißig er mit Gleim Briefe wechselte, nie wagte dieser vor dem ernstenFreunde mit seiner läppischen Weichheit zu erscheinen, und selbst beiKleist's Tode gilt nur ein männlicher Schmerz, wie er den gefallenenHelden ehrte. Wie hoch Lessing das Talent in Wieland und Götheschätzte, doch wandte er sich mit moralischem Unwillen von Agathon,den er öffentlich zwar als Kunstwerk auszeichuete, ab; und so auch vonWertster. Seine Vorschläge, dem Weither anfzuhelfen, die ec nachlässigin Briefen hinwarf, muß man freilich unter seine Paradoxen rechnen,sein Widerwille davor ist aber so himmelweit verschieden von der Angstder Moralisten, und greift so tief in die Gründe unserer falschen Lieb-haberei an der Liebessentimentalität hinab, daß nichts darüber geht.Glauben Sie wohl", schrieb er,daß je ein römischer oder griechischer