Lessnig.
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10 Tuge mit dem Tode rang und man ihn Tag und Nacht von ihremBette reißen mußte, daß er ihr nicht die letzte Stunde erschwere. Er be-schuldigte sich vielmehr des Leichtsinns, der sich manchmal etwas bitterund menschenfeindlich ausdrücke. Als ihn der letzte Schlag getroffen,schrieb er: „Meine Frau ist todt; und diese Erfahrung habe ich nunauch gemacht. Ich freue mich, daß mir viel dergleichen Erfahrungennicht mehr übrig sein können, und bin ganz leicht." Und gleich darauf:„Wenn du diese Frau gekannt hättest! Aber man sagt es sei nichts alsEigenlob seine Frau ;n rühmen. Nun gut, ich sage nichts weiter vonihr. Aber wenn du sie gekannt hättest! Du wirst mich nie wieder sosehen, wie Moses mich gesehn, so ruhig und zufrieden in meinen vierWänden. Wenn ich mit der einen Hälfte meiner übrigen Tage das Glückerkaufen könnte, die andere mit ihr zu verleben, wie gern wollte ich esthun. Aber das geht nicht, und ich muß nun wieder anfangen meinenWeg allein zu duseln; ich habe dieses Glück unstreitig nicht verdient."Gewiß, dies ist ein so seltener Charakter, und dem weichlichen Zeitalterin dem er lebte so fremd, wie die starken Charaktere seiner Schauspiele.Das Unglück, unter dem wir ihn hier leiden sehen, würde noch schwerersei», wenn die nähern Umstände, die uns Jaeobi erzählt, begründetwären. Er sagt, Lessing habe ihn von ferne argwöhnen lassen, daßihm seine Frau sterbend Vorwürfe gemacht, er habe sie mit unglücklichenMeinungen angesteckt, und dieses Entsetzliche verböte ihm an Ehe undLiebe zu denken. Die Frau lag die zehn Tage bei ihrer Niederkunft ohneVerstand, und die ganze Nachricht macht uns von ferne argwöhnischgegen den Mann, der Lessingen so gern etwas unterschob, was ihm selbstempfindungsgerecht war. Wenn aber auch die Thatsache begründetwäre, so wollen wir nie glauben, daß cs Lcssing im geringsten geirrthabe^'ch, so wenig als Mendelssohn's Klagen richtig sind, daß die theo-
>:>2) Lessing mag sich gegen diese Schwachheit mit eigenen Worten in Schuhnehmen. Er sagt in der Einleitung znm Berengar: „Wer in Bestreitung aller Art vonVvrurtheilen niemals schüchtern und laß zu werden wünscht, der bestege ja das Vor-urtheil zuerst, daß die Eindrücke unsrer Kindheit nicht zu unterdrücken wären. Die Be-griffe, die uns in unsrer Kindheit beigebracht werden, sind gerade die allerflachste», diesich am leichtesten durch selbsterworbenc Begriffe auf ewig überstreichen lassen, und die,bei denen sie im Alter wiederkommen, legen dadurch Zeugniß ab, daß die Begriffe, unterwelchen sie jene begraben wollen, noch flacher, noch seichter, noch weniger ihr Eigen-thnm gewesen, als die Begriffe ihrer Kindheit. Nur von solchen Menschen können alsoauch die gräßlichen Erzählungen von plötzlichen Rückfällen in längst abgelegte Jrrthümerauf dem Todbette wahr sein, mit welchen man jeden kleinmüthigere» Freund der Wahr-heit zur Verzweiflung bringen könnte."