und weltlichen Moral, und der Kritik. — Wieland. 281
das, was der Menschheit einmal heilig war, immer nnd überall zu verspot-ten und zu begeifern, viel zu zweiseitig, um mit jenem Nachdrucke nachEinem Ziele hinzudrängen, der zu realen Wirkungen nothwendig ist.Wie ungleich ist daher Wieland Voltairen in seiner Bekämpfung desChristenthnms! Gegen diesen ungläubigen Spötter steht er im Agatho-dämon wie ein nüchterner rationalistischer Protestant. Wie ungleich inseiner Freude an gicchischer Urbanität gegen die trocknen SympathienVoltaire's mit chinesischer Bildung! Wie ungleich sogar in den histori-schen Rechtfertigungen des Pabst- und Bonzenthums, der Klöster unddes Cölibats, was er zwar Alles wie Voltaire im Allgemeinen verfolgt,gegen die sarkastische Bitterkeit, mit der dieser gleichgültig die bestehen-den Verhältnisse dieser Art und ihre geschichtliche Entstehung behandelt!Wie ungleich in dieser Ansicht der mittelalterigen Ordnungen überhaupt,die Voltaire als Barbareien und Greuel mit dem mannichfaltigsten Witzemittel - und unmittelbar angrifs, während Wieland diese ganze Welt mitVorliebe poetisch behandelte, verspottend allerdings, weil er darin mas-senweise jene Schwächen der menschlichen Natur fand, die ihm aber soliebenswürdig erschienen ! Wie ungleich endlich in der ganzen Betrach-tung der wirklichen Welt, der gegenüber Wieland so wenig von Idealenloskommt, als er den Grillen der Menschenköpse gegenüber es unterlas-sen kann, auf das Praktische, Wirkliche und Mögliche zurückzudeuten.Voltaire hat überall nur Verstand, nicht Gefühl; ihm hat die Arnnuhdes Herzens den Berns zur Satire gegeben. Aber Wieland war ganzGcmüthlichkeit; er hat an Verstand, an Phantasie, an Empfindung, anNernunstthätigkcit Theil, wenn auch nirgends sehr reichen Theil; erhat den Kreis menschlicher Gaben in flockigen Linien ganz umschrieben,von dem aus Voltaire nur Ein scharfes Segment fiel. Der persönlichenEinsicht und Weisheit Wieland's mag es Ehre machen, daß er, wie ersich um diese Zeit zwischen Stoa und Epikureismuö in die Mitte zu stel-len suchte, so auch zwischen Rousseau und Voltaire in der Mitte steht;es ist aber dann auch kein Wunder, daß er nicht die Wirkungen desEinen und des Andern machte, die überdies in Deutschland nur lang-samer und minder geräuschvollen Eingang finden konnten. Wie wenigWieland einen grellen Gegensatz gegen Rousseau machte, geht aus allseinen Nrtheilen über ihn und aus allen hierhin bezüglichen Aufsätzenund Erdichtungen hervor. Er liebt den Mann, der in Paris ein Epiktetzu sein wagte, der allen Vortheilen entsagte, die ihm seine Talente beieiniger Gefälligkeit gegen den Geist der Zeit hätten verschaffen können,der sich allen Folgen der Paradorie aussetzte, in einer konventionellen