278 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
einander, nicht verschmolzen und versöhnt, sondern stets schaukelnd.Seitdem er 1769 einem Rufe nach Erfurt gefolgt war, hing er dort zu-gleich mit Heinse und den rohen Revolntionsmäuneru der 70er Jahrezusammen und mit Jarobi, Klotz und Gleim, mit denen er sentimentaleFreundschaften schloß. In einerlei Zeit schreibt er Privatbriefe in demneuen groben Sturm- und Drangstyl und in dem alten süßlichen Tonder Schäfecfrcundschaft. In Weimar fing er an, für den gemeinen Ra-tionalismus und die berliner Aufklärern, für gewöhnliche Zeitschriftenund Klatschereien zu arbeiten, während er zugleich im Oberon sich ansdie höchste Spitze jener Poesie stellte, deren er fähig war; er hatte Ver-hältnisse zu Meißner und Nirolai, da er zugleich welche zu Göthe suchte.Wie das ganze Mittelalter überall in einem unversöhnten Kampf desRationalismus und Idealismus begriffen war, so Wieland durch seinganzes Leben, auch trotz jenem ersten Abfalle von seinen ersten Reli-gionsschwärmereieu, an deren Stelle er später einige politische Schwär-merei setzte. Es war dies der Kampf seiner deutschen Natur mit seinerfranzösischen, seines deutschen Gemütheö wider seinen Verstand, den erfast ausschließlich in französischer Schule bildete. Auch hier drängt sichVergleichung der mittelalterigeu Bildung, in der die französische eineso wesentliche Rolle spielte, von selbst auf. Frankreichs Kultur schwankteimmer zwischen Halbantiken und halbromantischen Elementen, sie gingvon Bigotterie und Fanatismus zu Epikureismus und Frivolität über,sie bewegte sich zwischen Philosophie und Poesie und brachte es in kei-ner zu einer reinen Gestaltung, weil die ideale Behandlung von Wissen-schaft und Kunst stets bei ihnen von realistischen, politischen und ande-ren Einflüssen gekreuzt war. Das Alles ist bei Wieland völlig ebenso.Und bei so naher innerster Verwandtschaft mit diesen Nachbarn war esunmöglich, daß er Klopstock's Vaterlandsliebe thcilen konnte; er wardWeltbürger, und nahm an den französischen Zuständen in Literatur undPolitik gleichen Theil, und wandte seinen alten Idealismus, wie dieFranzosen thaten, hier und da auf seine politischen Ansichten hin.
Wie ihm also im Hause des Grafen Stadion die französische Poesienicht entgangen war, so konnte ihm auch die dortige Philosophie nichtentgehen, zumal da er in Erfurt mehr wissenschaftlichen Forderungengenügen sollte, als Ansprüchen auf Unterhaltung, und da seine geistigenBedürfnisse ihn, der auch hier schwankte, immer von dem einen zum an-dern, und von beiden zu Philologie und Geschichte leiteten, ohne daßes ihm gelungen wäre, seine verschiedenen Studien zum Dienste EinerThätigkeit zu zwingen. So ging er daher in Erfurt auch mit historischen