Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
277
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und weltlichen Moral, nnd der Kritik. Wieland. 277

klarer vorliegcn als selbst in seinen Dichtungen. Er beobachtet in verMenschheit, in den Völkern, in den Individuen die zwei StufendesNatur - nnd Unschuldstandes und der Kultur, Erkenntniß und Bildung.Das goldene Zeitalter der Welt ist nichts als die Kindheit des einzelnenMenschen. Wie schön sie sei diese Zeit, doch werde Niemand immerKind bleiben wollen. Der Fortschritt zur Kultur müsse gemacht werden,auch wenn es in der menschlichen Natur liege,daß sie nicht anders,als durch einen langen Mittelstand von Jrrthum, Selbsttäuschung, Lei-denschaften, und daher entspringendem Elend zur Entwicklung und An-wendung ihrer höheren Fähigkeiten gelangen könne" E). Blickt man aufdie Lage der ganzen Menschheit zwischen dem reinen Instinkt - und Kind-heitsleben der älteren guten griechischen Zeit nnd unseren neuesten Jahr-hunderten, wo wahre Aufklärung und reine Kultur erst möglich gewor-den ist, so sieht man, daß eben jene Zeiten der alerandrinischen Bildungein solcher Mittelzustand, ein solches Mittelalter waren, in dem dieMenschheit sich in eben jenen Schwankungen und Irrungen, Täuschun-gen, Leidenschaften und Leiden bewegte, die Wieland bezeichnet. Blickenwir zurück von diesem ungeheuren Schauplatz auf die engeren Verhält-nisse in Deutschland, zu Wieland's Zeit und auf die kleine Welt in Wie-land's Innerem selbst, so sehen wir, daß der poetische Bildungstrieb indiesem Jahrhundert unserer Verjüngung, in Klopstock, Blockes, Gcßner,in der ganzen Schäfer-, Patriarchen-, Frcnndschaftö- und Bardendich-tung uns ein solches goldnes- und Kindheitszeitalter noch Einmal vor-schilderte, das Rousseau in Frankreich geradezu realistisch predigte. Sprin-gen wir da zu der Poesie und der Lebensausicht einer reinen Kulturüber, die Schiller und Göthe ausbildeten, so sehen wir zwischen BeidenWieland wieder in derselben Mittelzeit liegen, und eben jene Irrwegenach Ertremen, jene Selbsttäuschungen nnd Schwankungen durchleben,die in dem Mittelzustande unserer Nation zwischen alter Stumpfheit undneuem Schwung, alter Beschränkung und einem plötzlich geöffneten wei-ten Gesichtskreis neuer Bildung natürlich waren. Ungemein merkwürdigdrückt sich diese Stellung Wieland's nach diesen beiden Standpunktenhin, zwischen denen er in der Klemme steckte, in seinem Leben und seinenSchriften aus. Er hielt es zuerst mit jenen patriarchalischen Dichtern,dann fiel er in ihren Gegensatz über; von da an folgten in ihm dieErtreme und Gegensätze nicht mehr nacheinander, sondern sie lagen neben-

148) Auf diesen Schlußsatz läuft die Erzählung Korker und Kikequetzel (1770-hinaus.