276 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
Epiknreismus in einem deutschen Schriftsteller; sie bemerkte vortrefflich,daß diese Philosophie in Grundsätze gebracht allgemein anstößig sei.Daß der Mensch da ist, um zu wirken und um seine Kräfte zn regen,daß er der Natur entgegengesetzt ist, in der Alles mechanisch arbeitet,wo dann nur Abnutzung möglich ist, während der Mensch frei strebtund Hemmungen antrifft, die ihm Schmerz bereiten, dessen Ueberwin-dnng dann wieder Frucht und Lohn seiner Mühe ist, dies wäre das Sy-stem Lesstng's gewesen oder Jedes, der sich an die wahre menschliche,nicht an die vegetative Natur angeschlossen, der seine Bildung an derfrischen Periode von Griechenland statt au dessen verfallender genährthätte. Wer sich Freude und Lebensgenuß so wohlseil kaufen will, wieWieland, der muß dann freilich zu jenen Theorien auch die praktischenKunstgriffe unsers Sokrates setzen, der am Ende seines neidlosen undunbeneideten Lebens seinem Genius für das schöne Gewebe seiner Tagedankt, unter denen er auf Einen trüben vierzehn heitre rechnete, von soreinem Lebensgenüsse, als ein demüthiger Sterblicher nur fordern dürfe.Aber wie ist dies Glück errungen worden! Wie oft ist die BescheidungSchwäche, die Bescheidenheit Gefühl der Mittelmäßigkeit, die Mäßi-gung Halbheit, die Zufriedenheit Fügsamkeit in Alles gewesen! Er lebteein vollkommncs System der Passivität. Der Mensch schien ihm amherrlichsten durch seine Gabe, sich in Alles zu schicken, unter jedem Druckwieder aufzustehen, sich aus dem Bösen selbst ein Glück zu schaffen! Undam Ende muß er doch selbst bekennen, was sonst seine Philosophie nichtzuzugeben scheint, „daß er nur dies Glück und diese Freude genoß, weilihn das Schicksal verzärtelte, daß er die Püffe, die Andere auöhaltenmüssen, nicht ertragen würde." -Am Ende hatte er mit all seinem Wohl-wollen gegen Freunde und Feinde weder das Uebelwollen der Einenvermeiden, noch das Wohlwollen der Anderen überall enttäuschen kön-nen. Wenn er verkannt wurde, so tröstete er sich mit Jesus Christus, dersich noch übler mußte mitspieleu lassen, weil er auch besser war. Denndies schien unter vielen Prineipicn seiner Weisheit eins der letzten: daßnach dem Maaße, daß man gut ist, man den Narren müsse mit sichspielen lassen. So weit brachte ihn sein Spiel mit Meinungen und An-sichten, daß er gut nannte, was Andre schwach und matt gefunden hät-ten, und daß er die größte That einer freien Willkühr und Kraft mitden unmächtigen Nachgiebigkeiten seines Duldungssystemö verglich.
Wie innig und tief Wieland'S ganze Natur und Philosophie mitden Ucbergangszeiten der alerandriuisch-ritterlichen Bildung verwebtund verwachsen ist, sieht man in seinen mehr theoretischen Schriften noch