2?4 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
in Deutschland Bücher, die zwar nicht vom Lesen abschreckten, nicht plötz-lich einschläferten, oder mürrisch machten, aber bald den Geist in einegewisse Mattigkeit versetzten, wie man sie vor einem Gewitter ver-spürt. Lege man das Buch weg, so fühle man sich zu nichts ansgelegt.Ich wüßte nicht, worauf dies so trefflich passe, als auf Wieland. Hättenicht Lessing neben ihm gestanden, wohin hätte Schärfe des Denkens,Kraft, Gedrungenheit nnd Sparsamkeit in der Sprache kommen sollen?Was wäre aus allem Lebensernste, aus allen großen Ideen und Be-strebungen geworden, wenn sich nicht die ganze Wucht der Original-genies nnd ihrer plebejischen Strebsamkeit auf ihn gewälzt hätte? Wo-hin würde sich Wieland gewandt haben, wenn er von Biberach ansnicht weiter als (1769) nach Erfurt, und von da vielleicht nach Wiengekommen wäre, wo um 1770 Graf Boufflers den Grund zu seinemRuhme legte, indem er einigen Damen von Rang die Grazien ins Fran-zösische übersetzte, und dabei den Tert las, daß deutsche Frauen dendeutschen Dichter durch einen Franzosen müßten kennen lernen! Hierwürde er sich nur den Riedel und Alringer gegenüber gesehen und jenenDünkel genährt haben, in dem er immer von seiner sokratischen Ironiesprach und von dem Unheil, daß ihn seine Landsleute so wenig ver-stehen wollten, wie die Athener den Sokrates. Als er aber nach Wei-mar neben Göthe und Herder kam, „brannte ihm" wie Merck sagt „derDruck unter diesen Potentaten allen Schmutz der Eitelkeit aus, und erblieb ein so bonhommischer guter Junge, daß er Mercken heilig war,und nur zu kleinmüthig wurde." Durchaus war Wieland als Gegen-gewicht gegen Klopstock nöthig; es war aber auch eben so heilsam, daßBeide, der Eine mit seiner Anglomanie, der Andre mit seiner Gallo-manie durch den ächt deutschen Lessing und die folgenden Zeiten zurSeite und in jenen Hintergrund gestellt wurden, in welchem sie nochheute in unserer Literatur erscheinen. Beide hätten diese wieder für dieoberen Stände berechnet, Lessing aber zog Alles hinein, was Bildungs-tricb hatte; er regte diese ächte Aristokratie an, in der kein Rang herrscht,als der des Geistes. So kräftig Lessing'S Dramen neben Wieland'sRomanen stehen, so sein Charakter und die Energie seines Wirkens undLebens. Und wäre dies nicht, wohin hätte die wieland'sche Weisheitführen sotten, der es nicht wohl war im Kleinen und Niedrigen, undnicht wohl im Höchsten und Edelsten, die immer dort aufbaute und hiereinriß, und dazu immer predigte, zu leben und leben zu lassen, Alles inder Welt gut zu finden. Jedem sein Steckenpferd zu gönnen, gegen Allesund gegen Jeden Duldung zu üben, Alles zum Besten zu kehren; Grund-