272 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
derbaren, Schönen und Erhabnen, ein Herz, das bei jeder edlen Thalemporschlägt, vor jeder schlechten schaudert; zu all diesem bei dem hei-leisten Sinne und leichtesten Blut einen angcbornen Hang zum Nach-sinnen, zum Forschen in sich selbst, zum Verfolgen seiner Gedanken, undbei der geselligsten Gemüthsart einen vorschlagenden Hang zur Einsam-keit." Gewiß hat, so lange in Deutschland über die Dichternatur bishergedacht ward, Niemand so vortrefflich und umfassend darüber geredet;allein er hat diese treffende Ansicht gleichsam erlernt, er hat seine Dich-tung an üblen Gegenständen geübt, und nach seiner durchaus vorherr-schenden Subjektivität zwar was zum Dichter gehört eingesehen, abernicht was zur Dichtung. Er hat, wenn er wußte, welche Gaben desDichters die Gegenstände zu verschönern taugten, jene anderen nichtgenannt, die die rechten Gegenstände zu wählen wußten, woraufGöthe so großen Werth gelegt hat; er kannte die schaffende Kraft derPhantasie, aber er besaß sie wenig, wie die Dichter der Ritterzeit auch;wie er philosophirte ohne allen Sinn für Spekulation, so dichtete erohne Phantasie mit dem Verstände. Hätte er aber auch alle jene Eigen-schaften, die den Dichter machen, besessen, wie er sich denn vielleicht zudiesem ganzen Gemälve selbst saß, so sieht man an den Früchten seinerMuse deutlich, daß noch ein elektrischer Funke in diese Mischungen hätteschlagen müssen, der weder auf ihn noch auf Lessing, und weit eher ansKlopstock fiel, der aber seine Wirkung mit falschen Zusammensetzungenlähmte. Nicht allein Klopstock hatte sich die Verfehlung seines Dichter-berufs eingestanden, nicht allein Lessing legte das gleiche Bekenntniß ab,sondern auch Wieland gestand, als eie Schlegel den Horizont aller Dich-tung zu beschreiben und darnach den Maaßstab des Dichterwerths zubestimmen anfingen, daß nach diesem er nur drei Dichter kenne, Homer,Shakespeare und Göthe. Zu andern Zeiten hat er gemeint, eine ge-schmackvolle und aufgeklärte Nachwelt würde die Dusch und Zachariä inEhren halten! Und das wolle doch Gott verhüten, trotz der augenschein-lichen Gefahr, daß Wieland außerdem nicht in die Reihe jener Erstengestellt werden würde, und sich also freilich trösten müße, in großer undehrenhafter Gesellschaft von dem höchsten Gipfel des Parnasses ausge-schlossen zu sein.
Wenn diese dichterischen Eigenschaften Wieland überall den ritter-lichen Dichtern gleich stellen, so noch mehr seine Lebensweisheit undmoralischen Gcundsäße. Wir haben schon oben angeführt, daß er einefeinere Sitte suchte, als die des Pöbels, eine Sittlichkeit, die auf an-deren Grundlagen ruht, als auf dem Aberglauben des Volks, daß er