27st Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
heit, die er doch früher selbst meinte mit seinen Knittelversen übertroffenzu haben. Ueberall sind die Gegensätze so groß, daß, obgleich beide all-gemeine Achtung sich nicht versagten, doch Wieland gestand, er begreifeKlopstock nicht und habe gar kein Verhältuiß zu ihm, und Klopstvck inseiner Gelehrtenrepublik über Wieland spottete""). Klopstock ist derDichter der Erhabenheit und Würde; Wieland der Grazie und Anmuth.Ohne jenen würde unsre Dichtung sich nicht eine würdige Höhe, derDichter keine anständige Stellung erobert haben, ohne diesen hätte diePoesie der Reize der kleinen menschlichen Verhältnisse entbehrt und derMensch hätte nicht anders als auf dem Kothurn und im Feierkleideerscheinen dürfen. Das vorherrschende Geistige bei Klopstock thut unsZwang und spannt an, das herrschende Sinnliche bei Wieland erschlafftund spannt ab; jener lebte nach den Begriffen der Zeit freier und schrobseine Poesie hoch, dieser lebte eingezogen und ließ seine Dichtung herab.Beider Dichtungen sind mehr die Werke edler Seelen und wohlmeinen-der Theilnahme an der Wohlfahrt des Menschengeschlechts, als großerGeister; sie sind Beide nicht eigentlich auf reine Kunst gerichtet, sondernans Veredelung des Lebens; Beide sind daher zu keinen reinen Formengelangt. Beiden ist das Epos misglückt. Beide sind am Schauspiel ge-scheitert, sie fielen der schreienden Zeit zum Opfer, weil sie sich an unter-gegangenen Ideen und Formen festklammerten. Klopstock hat die Dicht-kunst mit anderen Künsten in unnatürlichen Verband gebracht, Wielandnoch schlimmer mit Wissenschaften, mit Philologie, Philosophie undGeschichte; keine dichterische Form, weder EpoS noch Schauspiel, wederLied noch Satire ist ihm rein geglückt; keine ungemischte Nation, Bil-dung und Zeit, weder die ächt griechische, noch die ächt römische, nochdie ächt deutsche hat den unentschiedenen Mann der Mitte je angezogen,während Klopstock gerade auf die reinen Muster bei Griechen, Judenund Germanen fiel; kein scharfer Charakter hat Wielanden je gereizt,oder er hat ihn sogleich in einem vageren Lichte gesehen und in ein an-deres umgesetzt. Die Cicero und Lucian und Shaftsbury waren seineLieblinge; Klopstock dagegen sympathisirte mit Hermann, mit Heinrich
148) „Es war einmal ei» Mann", lautet die Stelle, „der viele ausländischeSchriften las, und selbst Bücher schrieb. Er ging auf den Krücken der Ausländer, rittbald auf ihren Rossen bald auf ihren Rossinanten, pflügte mit ihren Kälbern , tanzteihren Seiltanz. Viele seiner gutherzigen und unbelesenen Landsleute hielten ihn füreinen rechten Wundermann. Doch etlichen entging'S nicht, wie es mit seinen Schriftenzusammenhing u. s. w."