Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
268
Einzelbild herunterladen
 

268 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen

kommt, alles Verschiedenartige entweder ansscheidet oder ins Gleich-artige nmschmelzt, seine ganze Anlehnung an wälsche Quellen und anwälsche Natur, seine Freibeutereien und seine Gallirismcn und alle der-gleichen Aehnlichkeiten Preis geben als Dinge, die möglicherweise ab-gelernt sein konnten. Allein jene Aehnlichkeiten der innern Natur, jenesSchwanken zwischen Heiligem und Weltlichem, jene ganz eigenthümlicheAltklngheit und Frühreife, jene Behandlung der Liebe mehr als Sacheder Gedanken als der Empfindung, jene Sicherheit, mit der Wielandauf das Grnndthcma der mittelaltrigen Dichtung fiel und auf ihreGrundmanier des Humors kann nicht wohl Zufall sein. Es kann nichtZufall sein, daß er mit derselben persönlichen Unbefangenheit und Nai-vetät, wie jene Alten, bei denselben Merkern ansticß, daß er ganz wiejene über die Tadelsüchtigen und Mißgestimmten klagt, daß er Alles willzum Guten ausgenommen haben, nicht zum Bösen, daß er im Nothfall,wenn ihn Keiner hören möge, sich selbst und allein singen will. Wermöchte es Zufall ueunen, daß der noch ganz unentwickelte Knabe auf dieCyropädie fiel, jenes Werk, welches die gesammte romantische Poesie,die halb Geschichte halb Roman, halb Poesie halb Philosophie undMoral ist, eröffnet; und unmöglich hat cs anfänglich, wenn überhauptje, in seinem Bewußtsein gelegen, daß er den ganzen ungeheuren unduntrennbaren Kreis der alerandrinisch - ritterlichen, der byzantinisch-gothischen Dichtung mit seinen Nachbildungen beschrieben, und alle jeneGebiete durchwandert habe, die Klopstock in dem Quellenstudium seinerPoesie nicht berührt hatte. Von Heliodor und Ovid, von dem älteren undjüngeren Lenophon an bis auf die Ritterromane der mittleren Zeitenund die des 16. und 17. Jahrhunderts, den Amadis, die Clelia u. dgl.,von Boecaz bis Lafontaine, Hamilton und Voltaire umfaßte er alleQuellen, die hierin einschlagen, theilt sich wie eben diese Zeiten zwischenRoman und romanhaftem Epos, unfähig sich zur ächten Epopöe zu he-ben; er verweilte mit Vorliebe auf dem Fabliau; er nahm die morgen-ländischen Formen und Bühnen, die eingerahmten Erzählungen ausdem Oriente wie jene Zeiten zu seinen griechischen und ritterlichenStoffen hinzu; und wie die ritterlichen Fabliaur in die Fabel aus-gingen <iu Deutschland beim Stricker), so kehren wir bei Wieland vonder Fabel (Gellert's) dorthin zurück. Ganz wie sich die Minnepoesie inLyrik und Roman damals der geistlichen Dichtung und dem tragisch-ernsten, vaterländischen Epos gegenüber lagerte, so Wieland gegenKlopstock, der jene beiden Seiten in sich vereint. Wir haben schon beiden erotischen Lyrikern gesehen, wie sie überall Gegensätze gegen die