268 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
sich, ohne eS zu wollen, Klopstock mit einem solchen Gewichte gegen-über, daß nothwendig durch ihn der andächtigen und elegischen Empfind-samkeit, die jener angeregt hatte, eine andere Richtung gegeben werdenmußte. Er setzte der himmlischen Liebe die irdische entgegen, der über-sinnlichen die sinnliche, und heiligte eine mittlere dritte, in der die beidenanderen verschmolzen und die letztere durch die elftere geadelt ward. Da-her war die unmittelbare Frucht dieser Gegensätze, die sich gegen 1770hin am schroffsten gegenüber standen, diejenige Art Liebessentimentalität,die im Weither und Siegwart ihre Höhe erreichte, und die an Klopstock'Sheilig-sehnsüchtiger und Wieland'ö sinnlich - begehrender Erotik gleichenThcil hatte. Klopstock hatte mit seiner Dichtung auf die Empfindung fastausschließlich gewirkt; Wieland wirkte ans die Sinne; jener hatte diegroßen Ideen von Gottheit und Vaterland im Auge, Wieland aber gab derPoesie einen Gegenstand wieder, ohne welchen sie in der neueren Zeitnicht bestehen konnte. Die Geschlechtsliebe, die durch unsere moderneVergeistigung alles Materiellen an Idee und Sinnlichkeit zugleich Theilhat, ist eben durch diese Veredlung des Gemeinen an sich selbst ein poe-tischer Stoff geworden, und Alles, was neuerer Zeit in der Dichtungnicht über das Stoffartige mit seinem Genius hinaus ragte, hat sich andiese bequeme Aufgabe gehalten, mit der eine sichere Wirkung unaus-bleiblich zu machen war"°). Wir erinnern an das, was wir im erstenBande bei Gelegenheit der Minnepocsie hierüber gesagt haben, und an-erkennend, was alles durch diesen Gegenstand Vortreffliches in derneueren Dichtung ist gefördert worden, müssen wir doch auch hier wiederbedauern, daß er sich so ausschließend des ganzen Gebiets poetischerStoffe bemächtigte, daß kaum etwas Großes daneben Platz behielt.Wir müssen uns, auf die Gefahr hin, der Trockenheit und Nüchternheitverdächtig zu werden, zu Lessing's Ansicht schlagen, der bei Gelegenheitdes Weither diese kleingroßen Stoffe belächelte, die den sinnlichen Triebso heilig zu bekleiden wissen; müssen ans Shakespeare und Homer Hin-weisen, wo diese Seite des menschlichen Wesens nicht mehr Raum ge-stattet und keine andere Farbe geliehen ist in der Poesie, als in derNatur der Dinge selbst. Wieland setzt uns, indem er sich den anakreon-tischen Minnedichtern mit seinen epischen Liebeserzählnngen zur Seite
145) Nie wagt'S ein Dichter, und ergriff die Feder,eh er sie eingetaucht in Liebesseufzer;dann erst entzückt sein Lied des Wilde» Ohr,pflanzt in Tyrannen holde Menschlichkeit.
Shakespeare.