Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
265
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und weltllichen Moral, und der Kritik. Wieland. 265

Kunst. Er vergaß schon wieder, daß das Schöne Gegenstand der Knnstist. Er setzte auch jenen Tngendhelden des Richardson nicht einmalMenschen der Wirklichkeit entgegen, sondern Karrikatnren nach der ma-teriellen Seite hin, oder auch Wesen, die an der idealen und realen Seiteder menschlichen Natur in jener allzu besonderen Weise ihr Theil hatten,wie er selbst. Seine oftgerühmte Menschenkenntniß ist weit entfernt vonder Kenntniß der Weit und des Lebens bei Lessiug, sie ist gar oft ausder verdächtigen Quelle Rousseau's und Voltaire's hergeleitet, sie ist,wo sie eigne Natur und Erfahrung ist, blos Kenntniß seiner selbst, unddaher kommt es, daß seine Persönlichkeit ein weit fesselnderer Gegen-stand der Betrachtung ist, als seine Schriften an und für sich, und daßdie Aufschlüsse, die er über sich selbst gibt, so scharf und treffend sind, alsseine Charakterformen vag und nichtssagend. Wenn er ferner mit dieserSchilderung der Wirklichkeit und der Natur, wie sie ist, seine Unzüchtig-keit zu entschuldigen meinte, so mußte er bedenken, daß ein Unterschiedzwischen der Zeugungslehre in Anatomie und Physiologie, und denPhantastereizen poetischer Darstellung ist, und endlich daß selbst nachdem Gesetze der Wirklichkeit jene verfänglichen Seenen, die bei ihmeinzig und allein die Aspasien charakterisiren, hinter Nacht und Vorhangsich verbergen.

Wieland führte die Zeit in diesen Dichtungen einen wesentlichenSchritt weiter; er ward der Dichter und Philosoph der Liebe, wie Gleimder Freundschaft; er betrachtete und schilderte das Verhältniß der pla-tonischen und petrarchischen Seelenliebe zu der sinnlichen des Triebes,und entschied sich für die sittliche des Herzens, die er mehr zu Hause inglücklicher Ehe lebte, als daß er sie geschildert hätte. Er ist der wahreVertreter aller jener guten Hausväter der leipziger und HalberstädterVereine; das ganze Ideal seines Lebens ging auf ein kleines Gütchenhinaus und auf ein Schneckeuhäuschen, in das er sich znrückziehenkönnte, und wie in seinen Staatslehren die Sorge für Bevölkerungeinen wesentlichen Punkt ausmachte, so auch in seiner häuslichen Ue-bung. So nannte die Herzogin Amalie sein Tage- und Lebenswerk ab-wechselnd Kinder und Bücher zu zeugen; Kindermachen, schrieb erirgendwo, ist schlechterdings das Allerherrlichste was ein Mann thunkann; und es ist in der That naiv genug, ihn im Danischmend undsonst über die Kinderzeugung philosophiren zu hören. Die eheliche Frei-heit nun machte ihn muthig, einem Gcschlechte die Gemälde der Liebevorzuschildern, das dessen langeher nicht gewohnt war, das vielmehrdergleichen als Werke der Finsterniß zu betrachten pflegte. Hier warf er