Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
262
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Z62 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen

die Welt nicht viel schlimmer machen! Er will nicht für den zufälligenSchaden, den er anstellte, verantwortlich sein, aber er schweigt von demnothwendigen, der vorauszusehen war. Er selbst würde seinen Jdriönicht seiner Tochter in die Hand gegeben haben, er meinte sie aber so zuerziehen, daß er ihr nicht schaden sollte, wenn sie ihn läse. Dies hängtmit der aristokratischen Moral zusammen, die er wie Shaftsbnry inAussicht nimmt, nach der das Herz mit dem Kopf in Einvcrständniß seinsoll, nach der die Tugend und die Güte des Menschen abhängigseien von Weisheit, wahre Aufklärung das einzige Mittel zuwahrer Besserung wäre, nach der gegen abergläubige Religion einegrundsätzliche Sittenlehre gesetzt werden sollte. Aber er bedachte dabeinicht, daß nicht jeder Mensch, der gerade solche Bücher sucht, solch eineErziehung gehabt hat! Er flüchtet sich ferner hinter die schlüpfrigenStellen im Ezechiel und der Bibel, als ob man heute einem Volke dar-bieten dürfe, was damals in Zeiten, wo die Kenscheit noch keine Tugendund die Sinnlichkeit noch kein Trieb war, der durch die Reize der Phan-tasie ans künstliche Höhe getrieben wurde, wo die materielle Geschlechts-liebe nicht mit der ideellen Menschenliebe znsammengeworfen und Leiden-schaft mit Tugend verwechselt oder vermischt ward. Auch Grubec ent-schuldigt Wieland's lüsterne Muse mit der naiven Gesinnung, die dasSchönheitsgefühl nicht beleidige; allein daß das Schönheitsgcfühl insolchen Sachen wie im neuen Amadis zu finden sei, wird Jeder billigleugnen, leugnet Gruber in Bezug ans den Combabuö selbst, und Wie-land sogar gesteht, daß er es beleidigt habe. Die naive Gesinnung undUnschuld ist in Wieland's Persönlichkeit und Sitte; er trug in den Ro-senmonden seiner Ehe (seit 1765), die sich bei ihm zu Rosenjahren aus-dehnten, seine Freuden mit antiker Unbefangenheit in seine gleichzeitigenSchriften. Aber in diesen selbst ist nichts von Unschuld und Naivetät;falsche Muster haben seinen Geschmack und Vortrag verdorben, obgleichsie nicht sein Leben verderben konnten. Hier liegt der Zwiespalt inWieland's Gewissen selbst, der Zwiespalt zwischen seinem reinen Selbst-bewnßtsein über seinen Lebenswandel und der Stimme der Zeit, derWiderspruch des Urtheils über seinen häuslichen Charakter und denseiner Werke. Historisch tadelt man daher billig den Mangel an Meu-schenkenntniß, der früher dem damaligen Geschlechts eine aseetische Ab-schließung vor Versuchungen zumuthete, nicht weniger als jetzt, woer dem Geschlechte einer halb verbildeten Zeit eine Abhärtung gegenVersuchungen zumuthete, die bis zur Stumpfheit gegen den feinsten Kitzelgehen müßte, wenn sie vor seinen Schriften bestehen sollte. Er stellt sich