Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
260
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Z60 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen

und Herbe der christlichen Moral und Weisheit, und merzt die SchwärzedeS Lasters aus, oder überkleidet sie mit dem Gewand der Grazien. Erbehandelt jetzt alles Edle und Ideale im Menschen, das er früher einzigbevorzugt hatte, mit Kälte und Kürze, und alles Sinnliche und Tbie-rische mit warmem Wohlgefallen, er fkizzirt das Reine bloö und läßt esnicht ohne Kleckse, und malt dagegen das Häßliche breit und lustig auS.Die Welt selbst aber rächte sich mit Wieland an der früheren Schwär-merei und dem jetzigen Gegensätze, dem er verfiel. Zu seinen Gegnern,die er sich früher unter den Anakreontikern gemacht hatte und die jetztnicht Alle nachgaben, als er sich im Amadis mit Würde auf Hagedorn's,Gleim's und Jaeobi's Seite schlug, gesellten sich nun die Hasser seinerAbtrünnigkeit, und die Wächter Zions, die er ja selbst wider sich selbstbeschworen hatte, als er sic gegen Uz anfrief. Seine Grazienphilosophieward in den Göttinger Anzeigen angegriffen; seine Freunde sagten ihmbittere Wahrheiten über seinen Agathon und Anderes; man beschuldigteihn in Deutschland des Epiknreismus, und in Paris sogar galt er füreinen ausgemachten Atheisten. Lavater, sagte er selbst, rief alle Christenans die Knie, um für ihn als einen gefallenen Sünder zu beten. Theo-logische Lehrer verboten ihren Zuhörenden seine giftigen Schriften, Pre-diger brachten sie in Erfurt während seines Dvrtseins ans die Kanzel,ein Censor in Wien trat den Agathon mit Füßen. Um 1773 erhob sichdie ganze klopstock'sche Schule in Göttingen gegen ihn und vorzugsweisein moralischer Beziehung; sie verbrannten an ihren Festen ans Klop-stock's Geburtstag seine Werke; Voß schleuderte kriegerische Epigrammeim Musenalmanach gegen seine Buhlerromane und ländervergiftendenSchandgesänge, und Claudius faltete seine Hände über die Dichter, dieder Weiblein Tugend frech und ungescheut schmähen zu dürfen glaubten,wenn es nur iu schöner Prosa oder Versen geschehe. Sollteus nichtthun, meint er, es sei doch nicht übel, schamhaft und tugendhaft zu sein.Diese Anfechtungen ließ sich Wieland in seinen schwachen Stundenschwer zu Herzen gehn, und klammerte sich dann an seine alten undneuen Freunde und rief um Hülfe; bald aber sammelte er sich wiederund nahm sich übrigens auch dies zu Herzen, wie er vorher mit Lesstng'sAnfechtungen gethan hatte. Zwar über die schriftlichen Angriffe trösteteer sich. Er meinte, es würde Voß einmal so gereuen, im Eifer für dieTugend Epigramme auf ihn gemacht zu haben, als ihn selbst seine An-fälle auf Uz reuten. Mißtrauisch gegen seine Schriften vertrauete er anssein untadelhaftes Leben, und wünschte, daß jeder große Mann nur zweiTage bei ihm leben müßte, so hoffte er selbst Klopstock und Lavater sich