und weltlichen Moral, und der Kritik. — Wieland. 258
schönen Angen, nicht Menschen mit der Laterne sucht; er schreibt Denk-schriften an seine Faßwände, macht den gefälligen Rathgeber bei schönenMädchen, die sich in seinen Schutz flüchten, und unterbricht seine Rath-schläge mit Blicken und Küssen, und endigt mit dem schlimmsten Tröste.Er hat eine geliebte Glyeerion verloren und empfindelt über ihren Todtrotz einem geßner'schen Schäfer. Die Lehren von Freude und Grazienliegen in dem Mnnde des Mannes, dem sie in aller Welt am wenigstenangehörcn, neben Satiren vom Mann im Mond, mit denen die Meta-physiker verspottet werden. Im neuen Amadiö (1771), wo Hamiltonwieder Vorbild ist, sucht der Held ein wirkliches Ideal, zusammengesetztaus den Gestalten der Tugend und Wollust; in dem freien Gang seineseaprioeio führt uns der überall her plündernde Poet zu den gemeinstenStellen, die durchaus werth waren, einem Blumauer und Heinse zumIdeal zu dienen, und durch ein ariostisches Geflecht von schlüpfrigenSeenen; der Held sündigt mit Koketten herum und findet dann einnachthäßliches Geschöpf, aber voll Geist als sein Ideal. Ist hier dieObseönität im Dienste eines Gedankens, so kann höchstens auf Schisf-pfnnde von Gemeinheit ein Quentchen Moral kommen; der Wunder-fächcr des Antiseladon ist vor uns auögebreitet, hundert Felder und 99voll Schmutz; und man würde gar nicht auch das Geringste von einerAbsicht vermnthen, die außerhalb des Selbstzweckes dieser Widerlich-keiten läge, wenn nicht der Dichter hier wie überall stets von seinenPlanen redete, und immer mit Ruhmredigkeit und Redseligkeit auf diepsychologische, gynäkologische, politische und moralische Weisheit deu-tete, die hinter seinen Erzählungen verborgen sei, und auf die „großendem ganzen Menschengeschlecht angelegenen Wahrheiten", die seine ganzeDichterei durchdrängen.
Wieland rächte sich in dieser Periode, wo ihn das wüste Leben inErfurt, wie wir eS aus Bahrdt's Lebensbeschreibung kennen lernen,dreister machte, an seiner eigenen Schwärmerei und seinem Spiritualis-mus, durch den Uebergang zu Materialismus und Duldsamkeit. Wäreeine ähnliche Täuschung über frühere Ideale in Klopstock denkbar gewe-sen, so würde dieser in elegische Klagen verfallen sein; Wieland's hei-tere Lcbensansicht aber und sein Bewußtsein, daß es ihm um Wahrheiternstlich zu thun sei, ließen ihn nun gegen alles Neberspannte, gegenZeno und Pythagoras, gegen Plato und alle systematische Philosophiein Rüstung treten. Er hatte früher das ungeschminkte Menschliche un-duldsam angefochten und erlaubte Freuden angeschwärzt, jetzt waffnete ersich gegen alle finstere Tugend, gegen das Aufgedunsene, Uebertriebene
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