258 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
Erziehung und Hebung hervorgebracht haben, indem es die Grazie derTänzerin und Schauspielerin in Aussicht nimmt, die diese wie Unschuldund Naivetät nachahmen, und wenn sie sie von Natur besaß, auch erhal-ten oder Herstellen kann, dem Wesen nach aber nie einen Erwerb derKunst, sondern einen Besitz der Natur nennen muß. Wieland's Vor-stellung von den Grazien soll nicht sein, aber sie ist eben die winckel-mann'sche""); sie verhält sich wie modern zu antik, kokett zu unschuldig,affektirt zu naiv, kurz wie seine ganze Vorstellung vom Alterthum zu demwahren und ächten. Und so ist denn die Wendung, die seine Erzählungvon den Grazien am Schlüsse nimmt, ungemein naiv, d. h. sie öffnet,ohne daß es Wieland ahnte, seine Unfähigkeit diesen antiken Begriff zufassen. Die Alten haben die Grazien die unschuldigsten aller Götter ge-nannt, sie haben sie im Alter der nnanfgeblühten Knospe gebildet, abernach Wieland müssen sie doch vom Baum der Erkenntniß Einmal ge-nascht haben! Es blieb zwar ein Mysterium, aber ein Faun zeigte mitThalia den Genius der sokratischen Ironie und des lncianischen Spottes.Ans ihn selbst angewandt bedeutet dieses Mysterium: die Frucht desthierischen und göttlichen Triebs in ihm war skeptischer Spott und ver-neinende Laune; aufseine jungfräuliche, unbewußte und blöde Jugend-natur folgte der Gegensatz des Selbstbewußtseins und Selbstgefühls;mit Unschuld verband sich Lüsternheit in einem unnatürlichen Bunde,Schönheit mit Häßlichkeit, Cynismus mit Anmuth. Von den unnatür-lichen Verbindungen, wozu dies führte, zeuge sein Diogenes (1770).Eine albernere Komposition hat Wieland kaum gemacht; aber auch sie,wie Musarion, bestach die jungen, noch rathlosen Geister und gleich beider Erscheinung urtheilte der junge Göthe davon: bei einer solchen Ge-legenheit könne man nur empfinden und schweigen; sogar loben solleman einen großen Mann nicht, wenn man nicht so groß sei, wie er!Der Cyniker ist hier ein Cyrenaiker geworden, der schöne Seelen in
140) Wie ihm geschieht, daß was er thut anders ist, als was er schreibt, so auchhier. Er sagt im neuen Amadis vortrefflich: "Grazien, welche Töchter der Kunst stnd,hören auf Grazien zu sein. Und gleichwohl ist eS möglich, auch hierin die Kunst bis zueiner Art Täuschung zu treiben, und es gibt Fälle, wo nur der unverdorbenste Geschmackund die feinste Empfindsamkeit die naive Grazie, die allein diesen Namenverdient, von derjenigen, welche eine Frucht der Kunst, Nachahmung und Bestre-bung ist, zu unterscheiden wissen." Man weiß nicht, ob er selbst die graziöse Schreibartbis zu dieser Täuschung meint gebracht zu haben mit Kunst und Verstand, oder ob er inPersönlicher Naivetät es zu der Selbsttäuschung gebracht hat, ächte Grazie und Naivetätin seinen Schriften zu suchen.