Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
256
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256 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen

volle Begrüßung des Agathon, und geblendet durch einen gewissen In-grimm ans seine frühere Verblendung, und alle die daran Theil nahmen.

Hintereinander erschienen nun eine Reihe von Erzählungen, theilsin Prosa, theils in Versen, theils in griechischem, theils in ritterlichemGewände, in denen das wohlgefällige Verweilen auf sinnlichen Schil-derungen immer stärker hervortritt. Der Jdris (1768) sollte ein Sei-tenstück zu Hamilton's vier Facardins werden. Ganz sucht hier Wielandin die Manier der ritterlichen Erzähler einzugehen, nur daß es ihm wedermateriell noch formell gelingt. In Bezug auf das Aeußerliche beleidigenuns hier Fächer, Reisröcke und Perücken in der Ritterwelt, wie andereModernitäten in seinen griechischen Erzählungen; in seinen freien Versenmeinte er die ottsve rime zu übertreffen, man wird ihnen aber nicht cib-sehen, daß er fünf Jahre daran seilte. In JdriS sollte, wenn er fertiggeworden, genau die platonische Liebe gegen die sinnliche (Jdris gegenJtifall) übergestellt und zwischen beiden die Liebe des Herzens (Lila undZerbin) als die rechte und ächte, jene anderen als Ab- und Irrwege ge-zeigt werden, so daß nach der aristotelischen Moral die Liebe, die dieneue Welt zu einer Tugend machte, zwischen zwei Ertremen läge. Auchhier also bewegen wir uns in jener Weisheit der Mitte, die in derTheorie vortrefflich ist, bei der aber Alles ans den Takt der Ausführungankommt, wenn nicht bald aus dem Gleichgewicht Gleichgültigkeit, baldaus dem Schwanken ein Herumspielen an den Ertremen werden soll, diemau vermeiden will. Ich fürchte Beides ist bei Wieland moralisch undin seinen Schriften ästhetisch der Fall. Auf diese Weise spielt in Musa-rion (1768) eine unzüchtige Zucht au den Grenzen hin. In dieser Er-zählung ist wieder die Musarion ein Abbild von WielandS's Geisteselbst'30). Die Heldin ist über die schwülstige, empfindsame Liebe ihresPhanias verdrossen, sie sucht lieber die Gesellschaft von Gecken, um sichnicht von seiner Schwärmerei anstecken zu lassen. Sie überzeugt ihn

139) Vorrede der Ausgabe von 1769.Das milde Licht, worin Musarion diemenschlichen Dinge ansieht, das Gleichgewicht zwischen Enthusiasmus und Kaltsinnig-keit, dieser leichte Scherz, wodurch sie das Ueberspannte, Schimärische (die Schlacken,womit Borurtheil, Leidenschaft, Schwärmerei und Betrug, beinahe alle sittlichen Be-griffe der Erdbewohner zu allen Zeiten mehr oder minder verfälscht haben) auf eine sosanfte Art, daß sie gewissen harten Köpfen nnmerklich ist, vom Wahren abzuscheidenweiß, diese sokratischen Ironien, diese Nachsicht gegen die Unvollkommenheiten dermenschlichen Natur, die mit all ihren Mängeln doch immer das liebenswürdigste Dingist, das wir kennen, alle diese Züge sind die Lineamente meines eigenen Geistes undHerzens." Man sieht wieder, er ist sich selbst zu loben nicht faul.