und weltlichen Moral, und der Kritik. — Wieland. 235
unvermerkt zu Sokrates, sein Sokrates, ja selbst sein Diogenes wiederzu Aristipp, zu Horaz, zu Lucian, und Alles endlich zu Wieland wird.Wichtiger als die Form aber, die in allen poetischen Erfindungen undCharakteren Wieland's nicht viel bedeutet, ist der Inhalt und moralischePlan dieses Romans. Er will zeigen, wie weit es ein armer Sterb-licher mit den bloßen Kräften der Natur in Tugend und Weisheit bringenkönne, wie viel die neuesten Verhältnisse auf uns wirken, und wie mannur weise und gut wird durch Erfahrungen, Fehltritte, unernrüdete Be-arbeitung unserer selbst, öftere Veränderungen in unserer Artzu denken, besonders durch guten Umgang und gute Beispiele. Erbringt also seinen platonischen Agathon mit all seiner jugendlichenSchwärmerei, mit seiner Philosophie, die das menschliche Glück an dasbeschauliche Leben, und dieses an die Haine von Delphi gebunden sah,in Gegensatz mit dem Sophisten Hippias, dem Vertreter eben jenerneuen Philosophie, die Wieland aus den Engländern und Franzosen ge-lernt hatte. Es dreht sich Alles um die Fragen'^), ob Schwärmereioder Selbstsucht, geistige oder sinnliche Liebe, die Ideen von Göttlichkeitoder Thierheit des Menschen, Weisheit oder Klugheit das lichtere sind.Das böse Prinzip in Hippias wird nun freilich mit Worten viel bestrit-ten, aber der Sache nach siegt cs; der Ofsenbarungsglaube und diestrengen Grundsätze des Agathon gehen an dem praktischen Weltphilo-sophen, seine Unschuld an Danae verloren, doch tilgt sich eine geheimeAnhänglichkeit an die alten Lieblingsideen nicht ans. So bleiben wirauf einem gewissen verneinenden und zweifelnden Standpunkt stehen, derin den späteren Ausgaben verändert ward. Für die damalige Lage Wie-land's ist dies aber sehr charakteristisch. Denn in seinen nächsten Pro-dukten werden wir sehen, daß er stets mehr der thierischen Natur imMenschen nicht in Worten ausdrücklich schmeichelt, aber in der Thatdesto mehr, und daß es scheint, als ob er in seiner Denkart einmal denGegensatz gegen seine frühere platonische recht gründlich durchwachenwollte, obgleich er in der Wirklichkeit in dem Punkte der Sinnlichkeit,selbst als er am freiesten schrieb, so orthodox blieb, als er vielleicht früherim Punkt des Religionsglaubens, selbst als er am meisten eiferte, nieorthodox war. Damals schon fing es an, daß man an des SchriftstellersTugend zweifelte; als dies nachher allgemeiner ward, lenkte Wielandein und dem hat man die späteren Aenderungen im Agathon zu danken.Damals aber war er viel zu sicher gemacht durch Lessing's nachdrucks-
138) Vgl. Gruber's Charakteristik des Agathon im Leben Wieland's.