254 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
leitet hatte. Neben diesem Misgriff in dem Stoffe sind die ästhetischenin der Behandlung eben so groß. Er folgt hauptsächlich der Anlage desschwächeren 2. Theiles des Don Quirote; man kennt den Schwärmerund will ihn heilen; diese Wendung hebt für die Leser den Stoß derEinbildungen des Helden, der sich in eine Feenwelt verwebt, gegen dieWirklichkeit ganz auf. Dabei fällt es fast ins Kindische, wie mit stetenHindeutungen auf die innere Bedeutsamkeit des Helden und des Buchs,mit Lobeserhebungen auf die komische Literatur, mit Betrachtungen undErläuterungen die Erzählung unterbrochen wird. Wieland thut, als obsein Werk lauter höchstwichtige und schwierige Räthsel enthielte; jedesNüßchen, dessen Schale jedem Kinderfingec wiche, knackt er umständlichmit Maschinen selbst ans und schält jedes Theilchen des Kernes los, undläßt dieweile den geduldigen Gast fasten.
Voller ästhetischer und psychologischer Lücken ist nach Wieland'seigenem Geständnis; auch die erste Ausgabe des Agathon (k7t>6), seinesLieblingswerkes, weil es die Geschichte seiner eigenen Umwandlung ent-hält. Hier tritt er in die sokratisch-renophontische Zeit zurück, die ihmaus seiner ersten Jugend lieb war. Ec nahm den historischen Agathonzur Grundlage, ans Euripidcs aber, den er bei seinem theatralischenVersuche stndirt hatte, den Charakter des Jon zum eigentlichen Modellund diesem edlen, jungfräulichen Jüngling schob er sich selbst unter "H.Das Werk ist in aller Weise, der Form nach betrachtet, ein alerandri-nischer Roman, mit Liebschaften, Trennungen, Seeräubern, Sklavcn-verkäufen, Tugendprüfnngen und Niederlagen, Selbstgesprächen, Wieder-sehen, ein Umtreiben „von einem Abenteuer zum andern, von der Kronezum Bettlersmantel, von der Wonne zur Verzweiflung, vom Tartarusins Elysium." Er beschäftigt sich also wie Cervantes neben dein komischenRomane mit dem ernsten. Die griechische Färbung traf er freilich auchhier nicht; er nahm gleichgültig den Schauplatz und die Personen ausSokrates' Zeit, den Ton suchte er in Aristänet's und Alkiphron's Brie-fen; er bringt den Schwulst und Flitter der spätesten Zeit sammt ihremVerderb mit dem athenischen Weisen zusammen, und dies ist für seineganze gleichmachende Natur so charakteristisch, wie daß ihm sein Plato
137) In der Vorrede der ersten Ausgabe sagt er dies selbst: „Ohne Zweifel gibtes wichtigere Charaktere als Agathon. Allein da ich selbst gewiß zu sein wünschte, daßich der Welt keine Hirngespenster für Wahrheiten verkaufe, so wählte ich denjenigen, denich am genauesten kennen zu lernen Gelegenheit gehabt habe. Aus diesem Grunde kannich zuverlässig versichern, daß Agathon eine wirkliche Person ist."