250 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
tuiig erfahrener Männer, feiner Gesellschafter und einer gebildeten Damesagte ihm ganz anders zu, als der einförmige Verkehr mit den Zü-richern; jene verständige Richtung praktischer Menschen gegen alle Phan-tasterei und Empfindsamkeit, alles Ausschweifende und allen Aberglau-ben, die La Roche mit dem Grafen theilte, sagte seiner Natur weit mehrzu, als die Anspannung zu frommen Sympathien. Er sah den Gegen-satz von Allem waö er bisher gesehen hatte und konnte ihn nicht tadeln.Denn man zeigte ihm Religion, aber keine Andächtelei, Moralität ohneTngendqnälerei und heiteren Lebensgenuß, der mit der Sittlichkeit be-stand, während er in Zürich im frommen Eifer Manches hatte begehenscheu und begehen helfen, was vor einer strengen Censur nicht allzuwohlbestehen konnte. In der Bibliothek des Grafen fand er das in Schriften,was er im persönlichen Umgang lebendig fand. Er lernte jetzt Shastcs-bury, der so zweideutig ansgelegt werden kann, mit anderen Augen ari-schen, als da er ihn mit platonischer Brille gelesen hatte; er übersah dieganze Reihe jener Freidenker der Franzosen und Engländer, die an dieStelle der Religion und Offenbarung natürliche Sittcnlehre und Philo-sophie setzten. Diese Männer wurden seine Lieblinge. Sie predigtengegen Vornrtheile und Jrrthümer ans jenem Tone des gesunden Men-schenverstandes, der Wielandcn weiterhin so thcucr ward, wie seinenberliner Feinden immerhin, sie schoben die spekulirende Vernunft beiSeite, und setzten sich dadurch in Besitz aller Menschen der hohemStände, die des Denkens nicht entbehren und tiefes Denken nicht ertra-gen können. Eben diese Klassen hatte Klopstock und die Theologen umihn her durch eine ästhetische Religion und durch Gestattung der Ver-nunft in Glaubenssachen an sich zu ziehen gesucht, da sie wohl einsahen,daß sie von den orthodoxen Eiferern und den pedantischen Schnlphilo-sophen nicht zu halten waren. Allein schon hatte die französische Bildungdiesen Boden in Deutschland gewonnen, und daher konnte ein französi-scher Schriftsteller von deutschem Adel, wie Herr von Bar, schon aufWieland in dieser neuen Richtung hin wirken. Klopstock behielt dahernur enge Kreise übrig, und Wieland ward der Schriftsteller der großenWelt, seitdem er sich entschieden ans diese Seite der Lebcnsphilosophiewarf und, wie jene eine feinere Religion, seinerseits eine feinere Moral,gleichfalls im Gewände der Poesie, und einer bequemeren Poesie lehrte,als die klopstocksche war. Unvermerkt war er aus allen klopstock-bodme-rischcn Theorien zu denen der berliner hinübergesetzt. Er lernte, wie esMendelssohn verlangt hatte, von jenen Deisten und Philosophen denMenschen selbst zum Gegenstand seines Nachdenkens zu machen; er ward