und weltlichen Moral, und der Kritik. — Wieland. 240
Suffolk eine liebe fromme Mutter, der Herzog ein lieber frommer Vater,Lord Guilford ein lieber frommer Gemahl, dieSidney eine liebe fromme— er wisse selbst nicht was. Die Frauen seien lauter Seraphim des weib-lichen Geschlechts, die Bösewichter lauter Lästerer. Wenn er eine Zeitlang auf der Erde erst würde gewandelt sein, so würde er die Menschenbesser beobachten lernen und dann würde er treffliche Sachen schreiben.
Auch aus diesem Felde, in dem er sich später noch einmal mit derOper täuschte, ward er also von den Berlinern herausgeschlagen, geradeum die Zeit, als er 1760 nach Biberach zurückkam. Er trug den Stachelin sich, den ihm der Tadel der Literaturbriefe zurückließ, und äußerte sichgelegentlich über diese Frorous, wie er sie nannte, mit der mismuthigenAnerkennung, mit der sich auch Winckelmann einmal über Lessing's An-griffe äußerte. Nun kam noch dazu Alles zusammen, um ihn plötzlichund auf Einmal von seiner bisherigen Selbsttäuschung zu heilen. Erkam in ein trocknes Amt, das ihn aus seinen Idealen herabzog; er fandseine alte platonische Freundin Sophia verheirathet als Frau la Rochewieder. Er beschäftigte sich mit Lucian, diesem geistesverwandten Lieb-ling, der die rechte Schule war, in der er seiner bisherigen Schwärme-reien inne werden konnte. Er übersetzte jetzt (1762—66) den Shake-speare, und vortrefflich hat hier Gruber ein Urtheil Johnsons über diesenDichter auf Wieland angewandt, in dem, als ob es für dessen Fall be-rechnet wäre, gesagt wird, daß einer, dessen Einbildungskraft sich in dasLabyrinth von Phantomen verirrt habe, bei Shakespeare von seinerschwärmerischen Ekstase geheilt werden könne, wo er menschliche Gesin-nungen in menschlicher Sprache eingekleidet läse, in Scenen, nach wel-chen ein Einsiedler die Weltbegebenheiten schätzen und aus welchen einBeichtvater den Fortgang der Leidenschaften vorher sagen könne. AlsWieland daher (1762) gleichzeitig eine neue Ausgabe seiner Werke ver-anstaltete, sah er schon ganz ein, wie er nach theuerm Lehrgeld aus diesenbisherigen Regionen wegwandern müsse. Was aber völlig den Aus-schlag gab, war seine Bekanntschaft mit dem Grafen Stadion, der beiBiberach das Gut Warthausen besaß und 1762 bezog. Ihn begleitetesein Freund und Pflegesohn La Roche, der Gemahl von Wieland'sfrüherer Geliebten; diese und Wieland selbst wurden zur Unterhaltungdes Grasen gebraucht. Hier nun lernte er eine Bildnngssphäre kennen,die ihm bisher ganz fremd, und die der grellste Gegensatz gegen jeneandere war, an der er sich in Bodmer's Haus übersättigt hatte. DerGraf imponirte ihm durch Rang, Weltkenntniß und Hofton weit mehr,als es Bodmer mit Frömmigkeit gekonnt hatte; die geistreiche Unterhal-