Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
236
Einzelbild herunterladen
 

236 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen

ner Tändeleien'^), allein nun, schließt aus dem Uebriggebliebeuen nochgut genug, welcher Art das Verworfene sein müsse. In der Rose suchendiese duftigen Blumenpoeten, die Minnedichter des 18. Jahrhs., dasSinnbild alles Lebenslaufes, daS Wesen menschlicher Unschuld und Tu-gend, die Lehre von der Weisheit dessen, der sie geschaffen; in der Ver-wandlung der Blumen suchen sie die Trostlehre der Unsterblichkeit, undder Erde Untergang ist ihrer galanten Logik nach darum unmöglich,weil der Geliebten Fuß ihren Boden betrat! In diesem Jdeenkreise wie-derholen sich ihre zärtlichen Spielereien ewig, und Jacobi selbst empfanddies bei seiner Poesie, und tröstete sich mit Petrarcha, bei dem der ähn-liche Fall war. Er war zu Zeiten von der Werthlosigkeit seiner Poesienüberzeugt; wenn Klopstock's Harfe klang, fragte er sich zaghast: bin auchich ein Dichter? Aber über Anakreon's Liedern rief er begeistert: Ichbin auch ein Dichter. Seine Muse gründete das Glück seines bescheide-nen Lebens, sie schuf ihm eine genußreiche Welt, und gewährte ihm,was die kühnsten Dichter von ihr rühmten. Wie hätte er sich sollen vonden Pastoren irren lassen, die gegen seine Lieder predigten? oder vonden Dichtern der traurigen Gestalt, von Noungianern, die ihn mit Uzund den Andern mißhandelten? Bei ihm war die schlanke Sinnesartzu tief gewurzelt, als daß er sich von der schwerfälligen Andacht der Se-raphiker hätte stören lassen sollen, und so hat er wie Pseffel und Wie-land und Gleim immer des Pfaffenwcsens gelacht. Als er in Halber-stadt (1769) Kanonikus ward, und zwei Nächte in der Kapitelstube beider Kirche in der Noviziatsprobe schlafen mußte, wobei ihm die SchülerUoung's und dessen Nachtgedankcn einfielen, machte er ein Liebeslied anBellinde. Er spottet über diese Leichendichter, die am Hellen Tage dieMitternacht schreckt, denen der Frühling Klagen entlockt und verliebterVögel Gesang wie Sterbeglocken tönt. Sein Gedicht die Dichter(1772) bezeichnet seine Ansicht von den verschiedenen Richtungen derdeutschen Dichtung sprechend. Es ist eine Art burlesker Geschichte derPoesie. Zuerst hätten harmlose Sänger ländliche frohe Lieder gesungen.Dann sei von Westen ein Engel (Uoung) angeflogen, deß Lippen mei-lenlangc Worte riefen, momento mooi schallte es in's Thal, die Lust-gefilde verstummten,, man weinte und bekreuzte die Leiern; die Liebes-götter flohen und Gespenster belagerten ihren Sitz der Freude. An dieStelle des Liebreizes und der Grazien traten die Regeln der Stoa unddie Lieder von Elva, und statt aus der Gondel der Venus fuhr man in

1S9) Die letzte Ausgabe seiner Werke, die Er selbst besorgte, ist Zürich 180713.