232 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
ren, so vereinigen sich in ihm Züge von Philisterei und freier Genialität,von Greisenthum und Jugend. Der Kampf der ganzen Zeit zwischenAltem nnd Neuem gährt in ihm; den Prozeß der Verjüngung sollte ermit dem ganzen Geschlechte in dem schauerlichen Medeenkessel der 70erJahre durchmachen, und er war nicht molluskenartig genug, wie dieJacobi und Wieland, sich durchzuwinden, noch knöchern genug, wie einKästner und Lichtenberg, um zu widerstehen. Wie sehr er rang nach demStillleben seiner behaglichen, sanften Freunde, dennoch mußte er sich,mit einem Widerspruch in .icheeto, einen Timon in Sanssouci nennen.Wie sehr er sich in seine epikureische Weisheit einuistete, doch rissen ihndie Zeitereignisse heraus und störten ihm seine Freude; er hätte, umkonsequent zu sein, Jedem sein Steckenpferd lassen müssen wie Wieland,sich die böse Welt abhalten wie Göthe im ähnlichen Falle ruhesüchtigerReizbarkeit. Aber er ärgerte sich an den Greueln der Revolution wie anden Plackereien der Kritik. Als 1797 die Zbenien auf „den alten Peleus"stichelten, waffnete er sich entrüstet dagegen, und seine Freunde besänf-tigten ihn am Geburtstag mit 50 lobenden Distichen. Er ärgerte sichan der kantischen Philosophie und an aller Spekulation, wie seine ber-liner Freunde; wie eben diese an allem Pfaffenwesen nnd Verfinsterung;und es ist ebenso ergötzlich zu hören, was Friedrich Jacobi und Lavaterund Klopstock (wegen Stolbcrg) von ihm in dieser Hinsicht von scharfemTadel hören mußten, wie seine Lobsprüche auf den preußischen Patriar-chen Semler und auf Lessing. Wer einen Nathan schuf, singt er anFriedrich Jacobi, der könnte woh l ein Gott sein aber kein Atheist!In den drei Großmeistereien der Ketzermacherei, Grübelei und Lobpvsau-nerei, sagt er in den Episteln, blieb er am liebsten klein; gern wäre erder Erste in drei andern: der Dichterei, Malerei und in der Kunst sichzu freuen. Diese Kunst, in der es Uz hochgebracht und die überhauptalle seine zahmeren Freunde leicht fanden, nennt er schwer, ein Werk derEwigkeit. Er lehrte aber Freude und Zufriedenheit in dem Kreise derfröhlichen Armuth, wohin seine Volkslieder versetzen, nnd im Halladatund im Hüttchen. Hier meint er zuletzt die Freude in der Natur wiederzu finden, die ihm zuvor mit den Ereignissen der Zeit hingeflossen schien;er.mahnt sogar Matthisson, seinen elegischen Ton zu verlassen, froh zusingen oder zu schweigen, aber bei all dem geht der Klageruf über diesLeben und über den Tod der Freude durch. Hagedorn's und seine Lie-der, sagt er trauernd, singe Keiner mehr, und „alle muntren Seifensiederseien aus der Welt verschwunden." Wirklich gingen diese mit den Ja-cobi's und ähnlichen aus. Eine neue Zeit ward von den Michaelis