228 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
Jahns verbot die Herausgabe seiner Gedichte. Gleim war es ein Be-dürfniß auf diese Art zu spielen und er neigte daher so zu Jarobi undSchmidt, die aus diese schwache Seite eingiugcn. Wenn er uicht schlafenkonnte, so schrieb er Verse und sandte sie dem Nachbar Klamer, der eingeverstes Handbriefchen zurückschickte ^'). Alles Vocsallcnde gab Gele-genheit zu Reimen, alles Gelesene zu Nachahmungen. Bald Petrarcha,bald die Minnesänger, Horaz, Lafontaine, Jakob Balde regten zu Nach-bildungen an; eine Zeit lang fiel die Wuth ans Sinngedichte, auf Ele-gien, Triolette oder Sechsfüßler, und Gleim mußte wohl selbst lachenüber die seinigen, die er oft unter dem Zorn der Musen gemacht hatte.Uns geht es so bei den meisten, selbst seiner gedruckten Gedichte. Sicsind, wenn nicht mit Bodmer's Dieböader, doch mit dessen Verwand-lungslust geschrieben. Wie Gleim ohne Wahl und Urtheil in seinerfreundschaftlichen Schwärmerei sich Jedem hingab, der ihm nahe kam,und dann bittere Erfahrungen zu machen hatte, so fand er in seiner poe-tischen Begeisterung Alles göttlich, Alles gut und schön; Opitz war ihmnoch nnübersungen, da Klopstock doch da war, und die Henriade galtihm und Johannes von Müller neben Homer. Er trug seine eigneWärme in die Sache hinein und las nur halb, nur was ihm gefiel, soin Klopstock wie in Jean Paul, verweilte auf dem Zusagenden, theiltees im Drang seines Jubels mit, und sollte ihm gleich ein roher Bauerherhalten müssen, wenn Niemand anders zur Hand war; er ahmte danndas Halberfaßte nach und mußte sich über die Sticheleien der Kritik är-gern. So ist es denn Schade, daß seine Gabe der Unmittelbarkeit aus-gewogen ward durch seine Hingebung an Stoffe, die seiner Natur fremdwaren, die er mit sammt den Formen verdarb, und die dann immer einenachgeahmte und mechanische Sache blieben. Sv vcrsificirte ec den TodAdam's und den Philotas, und opferte die feinsten Züge den Versen auf.Er machte Schäfergedichte im alten steifen Ton der Franzosen und zugleicher Zeit (1744) Romanzen im Bänkelsängcrstile, wie sie Löwenuachleierte; dann zu Einer Zeit wieder Fabeln und Kriegslieder (um1756), die mit das natürlichste sind, weil sie beide aus dem lebendigenTriebe der Zeit emporwuchsen. Ganz anders ist es mit seinen Minne-liedern, mit seinen horazischen und anakreontischen Oden, welche letztereer oft versuchte, und fast am besten ganz spät erreichte in den tändelndenAmorettenepigrammen, Amor und Psyche betitelt, wo er gerade viel-
121) S. Kl. Schmidts Leben, in den Werken Hrsg. v. Schmidt und Lautsch.182ü I. g. 35 fg.