u. weltlichen Moral, u. d. Kritik. — Preußens Thcilnahinc te. 223
publikaner, daß er eine stete Verbindung der Poesie mit Religion undPolitik sucht, wie Klopstock, daß sich die Künste daher an Festlichkeitenund alles Nationale anlehnen sollen, um die Völker „mit Eifer für dieRechte der Menschheit zu entflammen", daß er daher Männer am beru-fensten zum Dichten findet, deren herrschende Leidenschaft die Liebe zumallgemeinen Besten ist. Diese Gesinnung machte ihm Herder günstiggestimmt, aber Alles, was ans reine Poesie hinauswollte, strebte ihmentgegen, und nur für einen Hackert blieb seine Lehre ein Gesetz. Göthewarf sich in den Frankfurter Anzeigen gegen seine „schönen Künste"(1772) und gegen die Theorie auf, deren Berechnung auf Dilettantenübrigens in Sulzer's letztgenanntem Zwecke und seiner ausgesprochenenAbsicht lag; vortrefflich aber tadelt Göthe die Strafpredigten aus dieAnakreontiker und die Anpreisungen der Noachide; „nachdem sich dieWasser der epischen Poesie verlaufen, hätte man die Trümmer der bod-mer'scheu Arche auf dem Gebirg der Andacht weniger Pilgrime überlas-sen können." Wenige übrigens achteten auf diese wohlgemeinte Theorie.Sulzer enthielt sich des Polemisirens, er nannte die Literatnrbriefe selten,obwohl unzufrieden damit; diese ihrerseits erwiederten dies, und gingenihn nur gelegentlich über seine Sprachphilosophie an. Daß sie aberdurchweg Gegensatz gegen ihn waren, übersieht man leicht. Sie warenja überall gegen seine Empfindnngspoesie und gegen dieses Systemwerk,das er empfahl, sie verwarfen den Rousseau und das Lehrgedicht, dieBodmer und die Geßner, die er so rühmte, und sie suchten den Wielandeben dort wegzuwenden, wohin ihn Sulzer zurückwollte. Sie setztenendlich die Freundschaft mit jenen Anakreontikern fort, von denen sichSulzer schied. Zu diesen kehren auch wir nun endlich zurück.
Gleim war seit 1747 Domsekretär in Halberstadt geworden undward dort der Mittelpunkt einer ungemein verbreiteten FreundeSverbiu-dung. In anderer Art als Nicolai, so enthusiastisch als dieser trocken,so uneigennützig als dieser berechnend, ward er zu einer Art Schutzherrnder deutschen Dichterjugend und zu einem populären Mären, wie Bod-mer in Zürich war, mit dem Gleim überhaupt mancherlei Aehnlichkeithat. Wie Lessing fürs Theater, so war er in seiner Liebe für alle Poesieüberhaupt ein wahrer poetischer Proselytenmacher und Propagandist.Er setzte seinen Ehrgeiz hinein, als ein literarischer Werber junge Män-ner zur Dichtung zu überreden; er machte Ramlern in seiner JugendLuft, und Kleisten Muth, und Jacobi Vertrauen auf sich selbst, unddieser Letztere dankte ihm dafür laut, weil er ihm mit seiner Muse dasGlück seines Lebens bereitet habe. Wie wenig dazu gehörte, um so weit