220 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
daß ihn Spaltung auf die Kanzel bringe; er hält ihn für den National-charakter der Deutschen, von Seiten des Kopfs, und er hat wohl recht,wenn er sich an die mittleren Sphären des deutschen Lebens hält, fürdie er mehr als für die Gelehrten zu schreiben strebte, was schon ans derWahl seiner Aufgaben: über Verdienst, über den Tod sür's Vaterlandn. a. einleuchtet. So verwickelte er sich noch vor Moses und Lessingmit den Rechtgläubigen, und wie er mit Moser angebunden hatte, so inder Nachricht von einem evangelischen Autodafe mit den berüchtigtenGoeze, Winkler, Panlsen, Trescho, Ziegra und den andern Mitarbei-tern an den Hamburgischen Nachrichten. Aus eben dem Standpunktedes gesunden Menschenverstandes, wo wir die Philosophie dieser Ber-liner finden, werden wir die Halberstädter und die Wielandische Poesietreffen; daß wir sie in derselben Opposition mit der religiösen Richtungfinden werden, läßt sich aus der weltlichen, epikureischen, nüchternenSinnesart dieser Kreise erwarten. Jene Poesie ist zu dieser Kritik undPhilosophie die natürliche Kehrseite. Hier gibt und verlangt man Phi-losophie im poetischen Gewände; Mendelssohn leiht so seinen Aufsätzenden Schmuck von Einkleidungen und Formen, und ist durch seine Be-handlung des Phädon am bekanntesten geblieben; Abbt sucht überallauf die Einbildungskraft seiner Leser zu wirken; und ihren Freund Spal-ding loben die Literaturbriefe um seines Vortrags willen, der selbst da,wo er blühend, ja üppig ist, einen nothwendigen Aufwand macht, weiler sich der Denkart eng' anschließt. Die Epistolographcn und Wielandgeben dagegen Poesie im philosophischen Kleid, sie steuern auf eine Mo-ral, die in sich schön sein sollte, und nannten dies in Bezug auf denInhalt die Philosophie, in Bezug auf die Form die Poesie der Grazien.Auf Menschenkenntniß und Menscheuumgang ist man hier und dort ge-richtet; sie wird hier ans dem Wege halber Wissenschaft, dort auf demWege halber Kunst gelehrt. Wie jene Philosophie des Menschenver-stands sich gegen die Klopstock'sche Empfindungsphilosophie stellte, dieausdrücklich in den Literatnrbriefen angesochteu wird, so lagert sich danndie verwandte philosophische Grazicnpoesie der musikalischen seraphischengegenüber, und auf ihrer Höhe bildet Wieland den schneidendsten Gegen-satz zu Klopstock.
Den letzten kritischen Vertheidiger der musikalischen Poesie haben wirin Joh. G. Sulz er (aus Winterthur 1719—79). Wir erwähnen ihnhier, weil er in Berlin lebte, weil er eine Weile mit Ramler, mit Gleimund den Anakreontikern zusammenhielt, dann aber, als er zu Bodmer undBreitinger ausschließend znrückkehrte, am deutlichsten den ersten Bruch