218 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
möglich sei, dessen Briefe mit Lessing über daS Trauerspiel, des Gegen-satzes wegen, am peinlichsten fühlbar machen, wie wenig Schärfe desGedankens und klares Erfassen und Verfolgen eines bestimmten Zielesihm eigen war. Er dilettirte, was jeder Autodidakt und Fragmcntistgemeinhin thut, nur daß es ihm wie seinem Freunde Abbt Ernst war-um Alles was sie trieben, nur daß ihr Dilettantismus eine Art Absichtund Bewußtsein in sich schloß. Sie sahen, daß man sich in Poesie undProsa, in Philosophie und Wissenschaft überall rathloö umtrieb, unddaß schon der Vortrag im Kanzleideutsch und im Schnlstil alle freie Be-wegung des Geistes hemmte. Deßhalb raffte sich Abbt zusammen, undzwang sich, wie man damals fand, in eine sallustische oder taeiteischeSchreibart; er suchte die Sprache des Volks aus, preßte Stil und Ge-danken zusammen, ließ etwas zwischen den Zeilen zu lesen, und stichtdaher gegen Wieland und ähnliche so ab, wie er gegen Moser Oppositionmachte. So suchten die Literaturbriefe selbst Muster einer minder schwer-fälligen Schreibart zu werden, sie leiteten von dem seichten Witz und derObcrflächlichkeit der Franzosen und von dem Sprachverderb der deut-schen Schulmeister ab, aber sie wollten die Glätte der Einen, und dieGründlichkeit und den Ernst der Anderen beibehalten wissen. Philoso-phie wollten sie im Schmuck der Poesie, Deutlichkeit zur Klarheit ver-schönt und was Skelett auf der Studierstnbe war, als fleischigen Körperdem Publikum geben. Aber sie fühlten dabei wohl, daß sie sich bei die-sen Bestrebungen selbst noch so oft den Schweiß vom Gesicht wischten!Sie fanden selbst, daß die Literaturbriefe hie und da matt wurden, undzweifelten ob aus Güte des Herzens oder Schwäche des Kopfs; siemerkten selbst, daß das Aufräumen ihr Fach war, nicht das Aufbauen.Dies ist nicht allein mit dem Vortrage der Fall, sondern mit den Sachenselbst, und eben hier tritt ihr gleichsam beabsichtigter Fragmentiömus zuTage. Bei Gelegenheit von Spalding's Buche über die Bestimmungdes Menschen ahnte Abbt"'), daß mit dem Hinweisen ans die Unsterb-lichkeit, und der Frage über das Gute und das Uebel nichts gethan sei,daß unser Verhältniß zu unserer Umgebung eine unthcilbare Mitfragevon der nach unserer Bestimmung sein müsse. Zu einer solchen Unter-suchung aber fand er die Zeit nirgends reif, und er sah ein, daß sichunsere Schriftsteller überall zu große Aufgaben steckten, denen sie nichtgewachsen waren. Ein solcher Skeptieismus machte ihn, und ein ähn-licher viele Andere in den nächsten Jahren nothwendig zu Dilettanten.
1 >2) Ueber Abbt vergl. Prutz im lit. Taschenbuche IV. Jahrg.