214 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
Sitten und Sprache gebildet haben, ehe er auf die Literatur wirkenkonnte, und zu diesem Zwecke mußte er sich erst in der Provinz, die er zuseinem Sitze erwählt hatte, gehörig vorbereiten. Wohlstand,Volksmenge, die in Sachsen hergestellte Philosophie, die prächtigenHose der Auguste, die die Schöpfer des feinen Geschmacks wurden, dievon Gottsched gereinigte und von fremden Auswüchsen befreite Sprache,all dies wirkte zusammen, Sachsen zu Deutschlands Attika, Leipzig zuAthen zu machen, und die Zeit von 1740—60 zur schönsten Epoche derdeutschen Literatur! DersiebenjährigeKrieg verdarb Alles.Sachsen verlor seinen Glanz und Einfluß, und die übrigen deutschenProvinzen glaubten nun ohne fremde Beihülfe weiter gehen zu können!Aber da die aus dem deutschen Athen erhaltene Geschmacksbildung nochunvollkommen war, so artete der Geschmack in den Provinzen sehr baldaus, und daher denn die Vernachlässigung der Reinheit und Richtigkeitder Sprache, die Jagd auf fremde Wörter und Provinzialismen, daherder Bardengesaug, die fremden Sylbenmaaße u. s. w. Entweder(diesen Trumpf spielt er zuletzt auS) hat Sachsen zwischen 1740—60gänzlich den guten Geschmack verfehlt, oder die Wege der Provinzensind Abwege und Verirrungen. Mit diesem letzten Stiche freilich wardas ganze Spiel verloren.
Von der Leipziger Bibliothek, die wie später dieHallische von Klotzund die Jenaische von Daries nicht viel andere Bedeutung erhalten hat,als daß sie zugleich die Züricher und Leipziger Kritik verdrängte, zog sichNieolai 1759 zurück und gab nun mit Mendelssohn die Literaturbriefe(1759—65) heraus, an denen auch Lessing, später Abbt und Resewitzmitarbeiteten, und an diese wieder schloß sich dann die berühmte Allge-meine deutsche Bibliothek, ein Werk, das zuerst jenen anfänglichen Zweckunsers Journalwesens ganz erfüllte, daß es Gemeinsamkeit in unsererLiteratur und Nation und freilich dadurch wieder Reibung und Spal-tung hervorbrachte. Wie schädlich es ist, wenn die Buchhändler die Li-teratur beherrschen, so wird man doch zugeben müssen, daß Nieolai imAnfang seiner Thätigkeit und im Verband mit Lessing, besonders alsodurch die Literaturbriefe, zunächst auf die auskeimende Literatur in Preu-ßen, und dann auf ganz Deutschland ungemein viel Gutes gewirkt hat.Wir haben nirgends die Absicht auf Zeitschriften zu verweilen, deutendaher auch hier nur flüchtig auf das Bestreben der Literaturbriefe hin,die übrigens eine periodische Schrift bildeten, welche auf einen klar vor-stehenden Zweck mit Geschick und mit Folgerichtigkeit hinarbeitete. Diesist von fast Keinem unserer späteren Blätter zu sagen, außer etwa von