ii. weltlichen Moral, u. d. Kritik. — Preußens Thcilnahmc re. 213
lehre und Dichtung hinznarbeiten. Noch als unbekannter junger Manngab er um 1756 die Briefe über den jetzigen Zustand der schönen Wissen-schaften in Deutschland heraus, eine Art Gutachten über den Streit derSchweizer und Leipziger, worin ein unparteiischer Standpunkt gesuchtund den Züricher Poeten ebenso viel Unangenehmes als den dortigenKritikern Beifälliges gesagt wird. Schon in diesen Briefen tritt die ein-getretene Spaltung zwischen Ramler und den übrigen Berlinern mitSulzer hervor; die Sympathie dieses Letzteren mit den Epopöen seinesBodmer und sein gutes ästhetisches Glaubenöbekenntniß, das auf Ver-einbarung der Moral mit der Poesie beruht, wird angefochten. Aufdiesen Briefen bauten sich nun die eigentlichen kritischen Blätter Nico-lai's auf. Er gewann zuerst Weiße undMendelssohn für die Bibliothekder schönen Künste und Wissenschaften (1757 n. s.), die er nach Leipzigverlegte und seit 1759 Weiße überließ: so hatte er an dem bisherigenThrone der Kritik ein Blatt und einen geborenen Sachsen zu Redacteur.Von diesem Augenblick an, der mit der Besetzung Sachsens durch Preu-ßen zusammenfällt, ging die bisherige Bedeutung Dresdens und Leipzigsfür die deutsche Bildung ans Berlin und Königsberg über. Der SachseLessing selbst fiel ja gleichsam zu den Preußen ab, denn er hatte im höch-sten Falle nur einen deutschen Patriotismus. Mit ihm verlor Sachsenden Einzigen, der seine Provinzialliteratnr hätte heben können, cs gabihn aber dem gemeinsamen Vaterland, um die gemeinsame Literatur zuerziehen. Sachsen hat in der Zeit zwischen Luther und Lessiug vielesUnheil und Verkehrtheit in die deutsche Literatur gebracht, aber mit die-sen Beiden und mit Leibnitz hat es Alles reichlich vergütet. Bisher hatteman unter dem sächsischen Adel und selbst unter der Mittelklasse Bildungund Lektüre gefunden; Dresden war im Nordosten ein Mittelpunkt desGeschmacks und der feinen Lebensart, Künste und Gewerbe blühtenunter dem »maßlosesten Lurus, den die früheren Höfe auf Ballette,Opern, Jagd, Tafel und Stall verschwendeten. Aber freilich mußte einsolcherHof, der lieber ungeheure Schulden häufte, als seine Tänzerinnenentlassen wollte, seine Interessen in dem Zusammenstöße von Preußenund Oestreich miskeunen, er schloß .sich an den Mächtigeren an und fiel.Die Katastrophe, die dies zugleich für die sächsische Literatur war, hatAdelung bezeichnet, der ungefähr so auf der Höhe der gottsched'schenSprachforschung und ästhetischen Dürre steht, wie Sulzer aus der Poetikseiner Züricher. Er verfocht in seinem Magazin der deutschen Sprache,daß der Geschmack eigentlich in Meißen allein zu Hause wäre; er seischon vor der deutschen Literatur da gewesen, denn er mußte erst feinere