196 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
Christ. Ewald von Kleist (aus Pommern 1715—59) dichtete wenigund ohne großen Beruf. Er hatte schon in seiner Jugend gereimt, undsein Talent bescheiden an Stöckel und Gottsched gebildet, deren er sichauch gegen Gleim noch annahm; die Spuren deö schlesischen Geschmackstrug er unverkennbar an sich. Gleim trieb die Dichtcrkraft in ihm zurReife, auch Lesstng spornte ihn zu Epen und Tragödien, die er mit Wi-derstreben schrieb; in Einem Nu war er mit der ganzen dichtenden Weltin Verbindung und ward nun mit in den Strudel gerissen. Was ihnzum Dichter machte, war derselbe Hang zur Einsamkeit, den Klopstocktrug, Noth, unglückliche Liebe und eine krankhafte Anlage, die sein freiesund selbst unbändiges Gemüth drückte, ein ganz edles goldenes Herz,und jenes musikalische Feingehör, das Klopstock und Ramler eigen war.Aus dieser letzten Eigenschaft floß sein Vertrauen zu Ramler, den er inseinem Frühling schalten ließ, auch wenn ihm das Herz dabei weh that;und seine Achtung vor Klopstock, nach dessen Messias er erst an einedeutsche Dichtung glaubte. Sein Geschmack bestimmt sich ganz nachdieser Eigenschaft. So liebte er die Naturdichtungen von Zachariä undUz, aber die geschmacklosen Malereien von Zwiebeln und Meerrettig beidem Einen mißfielen ihm, und die vielen Lorbcerwälder bei dem An-dern: Hauen Sie doch ein wenig aus, schreibt er an Gleim; undrupfen sie auch den Majoran weg, der besser in eine schöne Wurst als inein Gedicht paßt. Dies sind eben die Verbesserungen, die auch Ramlerzu machen hatte, dem immer der würdevolle Klang antiker Poesie dasOhr rein und ekel hielt. Eben mit diesem musikalischen Maaßstabe richtetsich Kleist gegen Uzens lateinische Prosodie: man muß bei uns das Sil-benmaaß blos nach dem Gehöre richten, sagt er, und ich weiß nicht,was Uz mit seinen reinen Daktylen will. Laßt unsere Nachkommen sichaus uns eine deutsche Prosodie machen, wie die lateinischen Gramma-tiker die Prosodie aus den Autoren zogen, nicht diese ans jenen "H.Ganz so ist nun auch sein Frühling, (eigentlich die Landlnst), dasberühmteste seiner Gedichte (1747), eine musikalische Dichtung. Einunverdorbenes Naturkind führt uns, wie Blockes, zur lebendigen Em-pfänglichkeit für die Reize der Natur und ohne das Systembnch in derHand zu haben wie jener, oder das Schnupftuch wie Geßner. Demdurchaus kräftigen Charakter folgen wir noch einmal so gern, wenn eruns die Reihe seiner Naturbilder zeigend vorführt, und lauschen ohnedas Gefühl der Mattigkeit seinen Empfindungen und den ergreifenden
07) Kleist's Werke Hrsg. v. Körte 1803. I. 20.