192 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
ausgegeben wurden, und daun die Wochenschrift, der Druide. Ramlerlehrte seit 1748. an der Kadettenschule, die Friedrich neu eingerichtethatte, um sein Militär vernünftig zu machen; er trieb bald statt derLogik Geschichte und schöne Literatur, zog einen großen Kreis von Zu-hörern an sich, und wirkte nun wie Gottsched und Gellert auf Stil undGeschmack. Alles bezog er in seinen Studien auf Poesie; er hatte einfeines Gehör für Rhythmus schon in seiner Jugend gezeigt, und hattesich unverhofft schon im 10. Jahre einen Dichter nennen hören. Weiter-hin schien er sich ganz zum Dichter geboren; seine Mutter war zur Zeitseiner Empfängniß ins Bad gereist, mehr um der Nachtigallen, als umdes Bades willen, wie sie sagte: dies nun war ihm das huldreicheLächeln der Melpomene über seiner Geburt. In Wahrheit aber war ihmvon den Gaben der Musen, des Lyäns und der Aphrodite nichts gewor-den. Seine Wirksamkeit ist durch nichts so berühmt und berüchtigt, alsdurch das, wozu ihn eben seine poetische Unfruchtbarkeit antricb, durchSammeln von Blnmenlesen, durch Kritik der Gedichte seiner Freunde,durch Uebesetzung seines Batteur. Noch spät machte er den Plan zueinem Reimlerikon. Der Mittelpunkt seiner ganzen Thätigkeit wurde dieBearbeitung der Einleitung in die schönen Wissenschaften von Batteur(1758), der damals der Lieblingsästhetikcr in dem Kreise Cramer'ö undSchlegel's war, und in Ramler'ö Nebersetzung eine ganze Zeit lang alsLehrbuch galt. Hier kam noch einmal die französische Technik als grie-chische zu uns herüber, die Lehre von der Nachahmung ward das Principder Kunst; und obwohl Ramler sich überall als einen Franzosenfeindzeigt, so ist er doch dem französischen Geschmacke aufs stärkste verfallen,und hat auch ihre pathetische Tragödie so gut wie Klopstock für ächteNachbildung der antiken genommen. Indem er aber bei dieser Arbeitam Batteur die Beispiele aus deutschen Dichtern suchte, fand er so Vie-les zu bessern, um vollkommene Muster zu gewinnen, daß er dieses Ge-schäft der Korrektur nun anfing ins Große zu treiben, das er übrigensauch schon früher mit Eifer gegen sich und andere ausgeübt hatte. Wenner in seiner „Werkstatt" saß, so lachte er oft laut und spottete seiner selbstmit lauter Stimme, wenn er heute las, was er gestern geschrieben hatte.Als er (um 1747) Lange's Oden mit Gleim durchging, so zankten „Ana-kreon und Horaz" halbe Tage um ein Wort, verwarfen eine Zeile undstellten sie her, und „holten ihren Tadel und Lob aus dem Innersten derPhilosophie"^). In den ersten Rosenjahren dieser poetischen Freund-
94) S» Lange's Sammlung freundsch. und gelehrter Briefe 17K9.