190 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
aus, mit der Nieolai und sein Anhang auch jede Erinnerung au einenpoetischen Religionsglauben zu tilgen suchten. In den breitesten Zügendes Nationalcharakters wie in den höchsten Kreisen der wissenschaftlichenKultur treffen wir dies verständige Element vorherrschend. Die ganzesüddeutsche schwerfällige Gemüthlichkeit sträubte sich von jeher gegen dieHerzlosigkeit des preußischen Witzes und Anekdotenjagens, das in denSpäßen der Eckensteher und in den Anekdoten von Friedrich und in denEpigrammen von Wernickc und tausend anderen Aeußerungen gleichmäßigwieder gefunden wird. Männer, die dem menschlichen Leben tiefere Sei-ten abgewvunen haben, wie Förster und Gölhe, haben sich daher über-mäßig heftig über die „Entartung der Denkart in Berlin, gegen jenenfaden Witz und die jolis i-iens des geselligen Tons, gegen das peinlicheund quälerische der vielfach verbreiteten und zur Schau getragenen Bil-dung der Berliner" erklärt. Und gegen jene Anfeindungen alles Poe-tischen, gegen die fade Aufklärern, die von Berlin und Nieolai ausging,erhob sich seiner Zeit Alles, was von Einbildungskraft einige Begriffehatte, und in Berlin selbst geschah nachher der Ucbergang in das andereErtrem der Hyperpoesie in Tieck, Fouque, Zach, Werner, Hoffmann,Arnim u. A-, wie es immer da geschieht, wo man nicht weiß, waswahre Dichtung ist. Preußen ist durch das, was es in Philosophie undaller Wissenschaftlichkeit geleistet hat, großartig verdient geworden, undsteht hier an der Spitze und auf derHöhe der deutschen Leistungen. Seinerster Eintritt in die literarische Verbindung der Welt geschah mit Co-pernieuö! Und in diesen spätem Zeiten hat Preußen die Humboldt undBuch, die Kant, Herder, Förster und hundert Männer des ersten wissen-schaftlichen Ranges geboren; es strebte immer, dem übrigen Deutsch-land seine großen Namen zu entreißen, und ist dadurch der Bildung inSüddeutschland wahrhaft gefährlich geworden, wo seit laugehcr dieSorge für höhere Bildung nirgends jn einer heilbringenden Stetigkeitbetrieben worden ist. Die Gebiete aber, in denen die Phantasie zu Hauseist, haben von Preußen wenig Anpflanzung erfahren. Es ist daher be-zeichnend genug, daß ein Eingeborner, der sich gegen das derbe Verstan-deSwesen empörte, der allem logischen Denken nnd aller Philosophieblind entgegen war, daß Hamann mit seinem Vaterland, mit seinemgroßen König, mit dem großen Philosophen Königsbergs und mit derWelt in Berlin, das ihm ein Babel war, ganz zerfiel. Eben so eigcn-thümlich ist es, daß die bedeutendsten Männer aus Preußen hervor-gingen, die oft das beste Kunsturtheil, den schärfsten Kunstverstand oderauch die feinste Kunstempfindung hatten, ohne das geringste Schöpfungs-