Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
184
Einzelbild herunterladen
 

184 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen

Aufenthalte in Lothringen und Elsaß lieben und nachahmen lernte, nichtvon ihm erreicht; in Hagedorn vollendet sich sein Ideal, mit dem ihmalle Grazien in Deutschland auSgestorben schienen. Wo er sich vollendsaus seinen erotischen Gegenständen verirrt in das, was er Balladen,Idyllen u. A. nennt, greift er überall fehl. Am nächsten wird uns derästhetische Standpunkt dieser Anakreontiker durch Lessing's lyrische Sachengelegt, und Jedermann weiß, auf wie wenig poetisches Verdienst dieseAnspruch machen können. Wie nothwendig es war, daß unsere Spracheauch von Seiten der Gefälligkeit und Anmuth, und nicht allein vonSeiten des Ernstes und der Gedrungenheit aufgeholfen wurde, und wierichtig Gleim's Ansicht sein mochte, das Bacchus und Amor uns eherhelfen könnten, als Moses und David, dennoch erhielt die Poesie beiweitem nicht so viel Zuwachs von dieser Seite, als von der entgegenge-setzten. Mit ihrem inneren Werthe hätte also diese Lyrik der Grazienden Anfechtungen der Moral und Religion nicht widerstanden, die siesogleich zu erleiden hatte. Gleim's Schäferwelt wurde in den 40er Jah-ren in Hamburg öffentlich verbrannt; ein Geistlicher fand, nach Gleim'seigner Erzählung, aus den scherzhaften Liedern heraus, daß der Ver-fasser weder an Gott noch an die Ewigkeit glaube. Hagedorn selbstwünschte ja, die Anakreontiker möchten die Gottheit nicht höhnen. SindIhnen solche bekannt? fragte Gleim Bodmern, so will ich sie mit Dithy-ramben, nicht mit leichten Liedern strafen. Der Pfarrer Götz, der sicham Oberrhein in Gegenden umtrieb, wo alle schönen Wissenschaften ver-achtet wurden, und auf 16 Stunden Wegs kein Buchladen und keineBibliothek war, hielt seinen Namen voller Acngstlichkeit ver dem'Publi-kum, und seine Poesien sogar vor Weib und Kind geheim, und wolltenur das Allersittsamste von seinen Freunden herausgeben lassen.

Man sieht schon aus den weiteren Wendungen der Dichtung unsererAnakreontiker, daß sie sich aus diesem Gebiete leicht hätten herausschla-gen lassen. Allein sie fußten zugleich auf einer anderen Autorität, andie sie sich eigensinniger anklammerten, die sie auf das Gebiet der Moralund Philosophie herübcrleitete, in dem sie sich so sicher wußten, wie dieeifrigen Religiösen auf der Gegenseite. Dies war H oraz. An diesemRömer entzückten sich damals, wie wir schon bei den Leipzigern sahen,alle Männer, die in sich edel von Sitte, nach außen anmuthige Gesellig-keit und einen erlaubten Genuß und Gebrauch des Lebens suchten, diedes närrischen Lehrernstes der deutschen Schule satt, sich an der feinenIronie und Urbanität des weisen Dichters erholten, dessen Weisheit voneben so viel Freiheit gehoben, dessen Freiheit von eben so viel Anstand