u> weltlichen Moral, u. d. Kritik. — Preußens Theilnahme re. 183
Scraphiker zu bestehen, bedürftig war. Anakreon's Ansehn und die ana-krevntischeu Lieder hätten dieser Lebensrichtung die hinlängliche Nah-rung und den nöthigen Schutz nicht gegeben, am wenigsten durch ihrenpoetischen Werth. Gleim's spätere Lieder nach dem Anakreon sogar(1763), und die Uebersetzungen seiner Freunde sind so fern von Anakreon,wie Geßner von Theokrit, und wie Gleim's petrarchische, horazische undMinne-Lieder von ihren Originalen. Er gestand es von seinen scherz-haften Liedern selbst, daß darin so viel Schlechtes, Ueberflüssiges undWeniges in Anakreon's Geist sei, daß er es wohl nur dem unbestimmtenGeschmack zu danken habe, daß man sie schön fand und übrigens nochungeschickter nachahmte. Noch wird hier Tanz, Wein und Liebe be-sungen, nüchtern und ohne Empfindung und rhythmischen Wohlklang,mit Zwang wird ein leichtfertiger Ton angeschlagen, der hier und dalehrartig klingt, und ironisch unmoralische Vorschriften verkündigt. GötzundNz wandten sich von Anakreon's Formen zum Reim wieder zurück; sieschienen sich leichter zu bewegen in als außer diesem Zwang. DieLiebes-liedchen von Uz, (auS Anspach 1720—96), die ihn Cypripor zur Lautedes Tejers singen lehrte, sind gelenker als viele andere, und kein Nameist auch neben Hagedorn unter den Verehrern unsers alten Stils so oftgenannt worden, wie der seinige. Wie Gleim voll Jugendgefühls derpedantischen „alten Ehrenmänner" lacht, so sticht dieser gegen die Gele-genheitspoeteu, gegen die altmodischen Dichter, die durch schulgerechteSchlüsse der Mädchen Küsse fordern; ihm ekelt vor der Liederbrut, dieGleim's anmuthlose Nachahmer heckten, in denen sich unleidlich jederTon stemmt und der träge Witz nur wörterreiche Sätze gebiert. Er istselbst gegen Gleim in seinen erotischen Liedern hier und da muthwillig,in seinen Weinlicdern leichter als Lessing undAehnliche, überall flüssigerals sein Freund Götz (aus WormS 1721—81). Die anakreoutischenKleinigkeiten, eatullischen Scherze, erotischen Madrigale und Epigrammedieses letzteren sind auch dem Anakreon II., Hagedorn, und dessen fran-zösischen Quellen nachgeahmt, aber wenig treu und wenig geläufig. Esist bekannt^"), daß er unsicher und mühsam arbeitete, und man sieht auchseinen Liedern trotz der Ramler'schen Feile an, wie sauer sie ihm wurden,und die prosaischen Abfälle, die in diesen anmuthigen rions so übelstehen, konnten nicht ganz getilgt werden. Obgleich seine Mädcheninselbekanntlich vor Friedrich dem Großen Gnade gefunden hat, so ist dochdie Runde und Glätte der Französischen Lyriker, die er bei seinem langen
89) S. Voß über Götz und Ramler.