Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
177
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u. wcltl. Moral, u. d. Kritik. Christi. Dicht, nach Klvpstock. 177

höht ward, daß in der That nur ein so leichtes Talent und ein so schlan-ker Charakter wie der seine diesem Uebcrmaß von Reizungen und Anre-gungen und von entgegengesetzten Einwirkungen Stand halten konnte,indem er ihnen schmiegsam nachgab.

Christoph Martin Wieland (bei Biberach 17331813) wardmit der entschiedenen Anlage zu einer Frühreife der Bildung geboren, diesein Vater noch mehr mit treibhausartigcn Reizmitteln unterhielt. Erward schon im 3. Jahre zum Unterricht angehalten, las schon im 7.den Cornelius mit Vergnügen, dachte schon mit 13 Jahren auf größereepische Gedichte, las zwischen dem 121<». fast alle Schriftsteller desrömischen goldnen Zeitalters neben Fontenelle und Voltaire, und warschon in dieser Zeit von Bayle hingerissen. Auf der Schule in Klostcr-bergen unter dem Abte Steinmetz sehen wir ihn schon, ähnlich wie Klop-stock, an jenem Scheidewege stehen zwischen Alterthum und Christen-thnm; der gute klassische Unterricht und die frommen Andachtsübungentheilten ihn; er schwärmte schon für Addison aber auch für chenophon'sSokrates und Cyrns, und diese letzte Neigung am Anfang seiner geisti-gen Thätigkeit ist im höchsten Grade bedeutsam, da die Cyropädie undSokrates in der Geschichte gerade die Anfangspunkte der beiden Geistes-richtungen und der Erzeugnisse sind, die Wieland's ganzes Leben ans-füllen. Und eben so ist es nicht ohne Wichtigkeit, daß er auf die Lektüredes Don Quirote so früh mit besonderem Nachdrucke geführt ward. Allesarbeitete wie durch die wunderbarsten Zufälle oder Schickungen zusam-men, ihn auf die Denkarten und Stoffe zu leiten, die seiner Natur ambestimmtesten zusagten; und cs scheint nur diesem Satze zu widerspre-chen, daß er vielfach so sehr in Ertreme gerissen ward, da ihn doch dieseallein so entschieden auf den Weg der Mitte leiten konnten, der nachhersein Ideal wie seine Natur war. Schon aus der Schule verdarb er sichmit gequälter Frömmigkeit die Nächte, und doch stand er zugleich imRufe eines Freidenkers; ganz frühe wollte er dem Spinoza darin folgen,dem Kopfe nach ein Freigeist, und im Herzen der tugendhafteste Menschzu sein, und darum neigte er so sehr zu Shaftesbury hin mitten in sei-nen Schwankungen, da dieser überall selbst in einem so unsteten Lichteerscheint, daß man seine Schriften eben so oft für als gegen die Reli-gion gebraucht hat. Mit 17 Jahren faßte er eine schwärmerische Liebezu einer Verwandtin, der nachherigen Frau La Roche, in deren Dienst ecdas Lehrgedicht von der Natur der Dinge (1751) in der Hast des jun-gen Schöpfungscifers hinwarf. Hier stand er aus Haller, obwohl erbehauptete, Lnkrez sei sein Muster gewesen. Es war natürlich, daß dies

Gerv. d. Dicht. IV. Bd. 12