Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
160
Einzelbild herunterladen
 

160 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen

Kühnheit und Fleiß! Erleuchtung! eigne Empfindung, Erfahrung,Schriftkcnntniß, tiefe richtige feine Schriftkenntniß, und himmlische Sal-bung ! ein feiernder Ton, dem lieber etwas Deutlichkeit geopfert werdensoll! Er scheint dies Alles vereinigen zu wollen, und dadurch hebt erAlles auf; selbst diesem Feiertone geht am Ende die Deutlichkeit vor,und wenn nicht im Terte, so doch in den Noten, in denen er strahlen-spalteud die klarsten Ausdrücke erklärt. Jede Zeile, jedes Wort ist ihmbedeutungsvoll, er begleitet die ausgesprochenen Gedanken mit gehei-men, die Bedeutsamkeit des Einzelnen soll dem Ganzen Bedeutung ge-ben, und raubt sie ihm. Diese Lieder sind daher Gebete, aus dergrößten Subjektivität, von einem Glaubenshelden für Glaubensheldengeschrieben, ohne Musik und ohne Poesie, mit zu viel Beredtsamkeit,wie Herder meinte, so daß ein armer Zöllner mit seinem einsilbigenGebete nicht wisse, wo aus und ein. Einzelne dieser Lieder haben iudeßbereiten Eingang gefunden; seinen Jesus Messias dagegen, das Ge-dicht, das er für alle Leser Klopstock's bestimmte, für alle, diemehr als trivialen Dichtersinn haben, das er eins seiner ausgezeich-netsten, dauerfähigstcn, tief aus der Seele quellenden Produktenannte^), ist ganz verschollen. Er paraphrasirte unter diesem Titelerst (1780) die Apokalypse in Herametern, und man kann denken, mitwelchem Schwung der neue Johannes in eigner Person die Gesichtedes alten wiederholt. Dann folgten die Evangelien und Apostelgeschich-ten in Gesängen, ein Werk von dem breitesten Umfang, das Hamannder klopstockffchen Messiade wie Martha der Maria gegenübcrstellte, unddessen historischer Stoff alle poetische Form nach seiner Meinung über-trifft. In der That ist es eine blos historisch-eneyklopädische Paraphraseund Eregese des neuen Testaments, rhapsodische Erzählungen ohne alleepische Farbe, ein Werk von vielleicht gelehrter Erbauung, nicht vonreligiöser, geschweige poetischer, ein Gedicht des Studiums, nicht derBegeisterung. Der Dichter will etwas erzwingen, was die Zeit nichtmehr hat und mag, er wiederholt sich, dehnt sich, überschreit sich biszur Heiserkeit, um im Tumult anderer Dinge gehört zu werden. Klvp-stock's Werk war die Frucht einer edlen heißen Jugendglut, Andacht undwahrer Empfindung, dies aber ist die Frucht der Bibellektüre mit Kom-mentar und Konkordanz; jenes ist lyrischer Gesang, dies Doktrin undEregese im Salbton des prophetischen Kothurns; jenes Oratorium undHymnus, dies Evangelienharmouie voll kleinlicher Pedanterie, bis auf

78) In den Herzenserleichtcrungen, wo er eine kritische Neberschau seiner Schrif-ten HM.