Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
159
Einzelbild herunterladen
 

u. wcltl. Moral, u. d. Kritik. Christi. Dicht, nach Klopstock. 159

seine Oden, ahmte sie nach, betete nach ihnen, er konnte an dem Mes-sias sich nicht sättigen, er lieferte spät noch eine Ilias nach dem Homer,nachdem das Fener für diese fromme Poesie so ziemlich in ihm alleinübrig geblieben war, nnd ein patriarchalisches Schauspiel (Abraham undIsaak), nachdem der patriarchalische Geschmack schon ganz aus der Neigewar (1780). Er bildete Klopstock's Geschmack fürs Erhabene noch über-triebener in sich aus, er steigerte jene oligarchischen Begriffe vom Chri-stenthum so hoch, bis Er denselben höchstens allein noch entsprach, undaus Bescheidenheit bekannte, daß er Keinen wisse, der ihnen entspreche;den vermenschlichten und persönlichen Gott, den er predigte, lehrte undbesang, ließ man sich in der Poesie noch gerne gefallen, die praktischeLehre darüber ward aber kindisch. Der brausende Kopf überspannteAlles, was er berührte, und trieb Alles zu einer Höhe, die den Herab-sturz ins Gegentheil nothwendig machte. Wenn man in Klopstock denStand der Empfindung bei seinen geistlichen Poesien nicht bezweifelnkonnte, dagegen bei Cramer schon das Feuer kalt fand, so hat es nichtan solchen gefehlt, die Lavatcr's Flammen für Eis hielten. Man fandzuletzt bei seinem übertriebenen Christenthum keine weitere Ucberzeugungmehr, als etwa die poetische während seiner Ausarbeitungen; und einMann wie Humboldt, der ihn persönlich sah, fand die Ideenleere diesesKopfes sogleich aus, und vermißte die Thätigkeit in ihm, mit der genialeMenschen die geahnte Wahrheit suchen und die Wärme, mit der sie diegefundene umfassen. Wollen wir dies aufseine Poesien anwenden, sosehen wir, wie sie blos aus überspannten Anforderungen so schlaff, jaaus jäher Hitze so kalt wurden. Wie Cramer sah Lavater die Bibel viel-fach mit poetischen Augen an, sie bot ihm die schönsten dramatischen Ge-mälde dar, er lernte aus ihr die feinsten ans jede menschliche Natur wir-kenden Regeln der ächten Alle begeisternden Dichtkunst; wer aus derBibel nicht dichten lernte, meinte er, der werde gewiß ans keinem Lehr-buch der Dichtkunst etwas lernen. Lavater hat das Dichten gewiß nichtaus Lehrbüchern gelernt, das können schon seine zahllosen Gelegenhcits-herameter beweisen; aus der Bibel aber eben so wenig, und aus eignerNatur am wenigsten. Er hat später als alle damaligen bedeutenden Lie-derdichter, ans die wir sogleich znrückkommen werden, später als Klop-stock, Geliert und Cramer seine christlichen Lieder gedichtet, er hat größereAnforderungen an das geistliche Lied gemacht, als Alle, und hat weitgeringere geliefert. Gewiß setzt ein christlich Lied, sagt er, mehr voraus,als Klopstock's Schwung oder Triumphton, mehr als Gellert's Deut-lichkeit, Einfalt und moralische Empfindsamkeit, mehr als Cramer's