158 Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der religiösen
schen- und Staatenkultnr eigen, die sie in diese absondernde, empor-hebende Gemeinschast zusammentricb, welche wieder ihrerseits jene Em-pfindungen steigerte. Zimmermann'ö Einsamkeit und Nationalstolz,Jselin's Träume eines Menschenfreundes sind in den ersten Aausgben,ehe jene dort zu Anekdotensammlungen, diese hier zu einer Staatslehreanwuchsen, die sprechenden Zeugnisse für den edlen, guten, erreglichenSinn dieser Jugend, die schnell anfing, den Diplomaten, den Häupternder aristokratischen Cantone, den Katholiken, gefährlich zu dünken.Selbst Haller neckte sich lange an dieser Gesellschaft; er hielt die Mit-glieder „für Feinde der allein seligmachenden Landcsorthodorie, für Lehr-linge und Mitverschworene des verrufenen Rousseau"^'). In dieser Ge-sellschaft fiel durch einen Herrn Planta 1766 die Aeußerung, wie vater-ländische populäre Lieder edle Volksgesinnnngen erwecken könnten; derjunge Lavater griff sie auf und lieferte im folgenden Jahre seine Schwei-zerlieder, deren Druck anfangs von der Büchereensur in Zürich verbotenwurde, weil man „den alten Mist nicht wieder aufwärmcn solle." DieseLieder sind das reinste, schönste und unverkümmertste, was Lavater ge-macht hat; sie sind zwar formell den Gleim'schen Kriegsliedern nach-geahmt und mit der Aengstlichkeit eines Mannes gemacht, der seinendichterischen Talenten nicht so viel traute als einer Kritik von Klotz,allein sie zeigen dennoch, selbst ihre Muster und Originale übertreffeud,wie ein freier Boden solche ungezwungene vaterländische Empfindungenweckt, die wieder ganz anders auf ihre Umgebung wirken, als da, woerst Volkösinn und Vaterlandsgefühl geschaffen werden muß. Diese Lie-der drangen wirklich in das Volk ein, und in alle Klassen des Volks,wurden damals mit Begeisterung von Alt und Jung gesungen und habenbis heute ausgehalten. Uebrigens sind diese Dichtungen ganz im Dienstemoralischer Gesichtspunkte gemacht, nach Bodmer's Vorbild und Vor-schrift^); und bald gab Lavater, entschiedner noch als Klopstock, seinePoesie Gott und der Religion ansschlicßend in Dienst. Auf seinerersten deutschen Reise hatte er schon Klopstock kennen gelernt; er las
76) Zimmermann, von der Einsamkeit. Im dritten Bande der späteren Ausgaben.
77) Schweizerlieder 1768. p. 422.
Dir, dir sind alle meine Lieder, moralischer Geschmack, geweiht!DaS, Bodmer, hast du mich gelehrt, zu dieser Wahrheit will ich stehn,Und wenn uns auch die Welt nicht hört: nein, was nicht gut ist, ist nicht
schön!
Lacht laut, so viel ihr lachen wollt, ich singe mehr als Lieb und Wein,Verdammt mit lauter Stimme sollt ihr mir, ihr Wollustlieder, sein!